Chronik der Gemeinde Kleinensee 

Chronik

Der heutige Ort Kleinensee, ein Stadtteil von Heringen , wurde erstmals als "Cleinensehe" im Jahre 1579 im Rotenburger Salbuch Güterverzeichnis erwähnt.



Entstehung des Namens

Der Säulingssee, zwischen den Orten Großensee und Kleinensee gelegen, kam durch Kauf des Gerichtes Wildeck zusammen mit Hönebach 1413 an den hessischen Landgrafen. Der See bildete eine Enklave im thüringisch-sächsischen Territorium.


Seinen Namen soll der Ort von einem in der Nähe gelegenen See, früher der "Cleinensee", jetzt "Seulingssee" genannt, erhalten haben. Dieser See, der etwa 100 Acker groß war, ist im Jahre 1704 durch Anlegung eines Stollens zum größten Teil ausgetrocknet worden. Damals war der See - so ist es zumindest überliefert- sehr reichhaltig an Karpfen und Hechten gewesen. Die Einwohner lebten zu dieser Zeit daher überwiegend von der Fischerei.


"Cleinensehe" gehörte im 15. Jahrhundert zum Gerstengau und ab 1525 zum sächsischen Amt Gerstungen. Durch den Haus-Breitenbacher- Vertrag von 1733 (Teilung des Samtamtes Hausbreitenbach vom 1.Juli 1733) kam Kleinensee dann durch Tausch zum Amt Friedewald nach Kurhessen.

 

1736 hatte dort die Familie von Vulteus Besitzrechte
 

Auf einer Anhöhe am Ufer lag das Gut „Am Hopfenberg“. Heute ist es neben der Kirche Mittelpunkt des Stadtteiles Kleinensee.

Gemälde des Gutshofes


Es ist anzunehmen, dass das Gut die erste Ansiedlung darstellte. Nach alten Aufzeichnungen war das Gut in Kleinensee ein Lehensgut, zu dem ein Grossteil der Ländereien in der Gemarkung und etwa 100 Morgen Wald gehörten.
Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Einwohner von Kleinensee dem Gutsherrn dienstverpflichtet.

 

Die erste Erwähnung über dieses Gut fand man in einem Schreiben, das 1437 Margarete von Heringen an die Kreuzberger Äbtissin richtete. Sie schrieb, dass sie ihr ererbtes Gut am See, Hopfenberg genannt, ihrem Schwager Kurt von Romerode, der 1437 in Wenigentaft lebte, erblich verkauft habe. Zuvor sei dieses Gut schon an die Romerod zu Wildecke (also vor 1413 !) teilweise versetzt gewesen.

 

Im Grenzregelungsvertrag zwischen Hessen und Thüringen-Sachsen im Jahre 1562 erhielt der Landgraf die Gerichtsbarkeit über den See und zwei „Vischers Heusern zum kleinen Sehe“ zugestanden. Das Gut, aus dem sich das Dorf entwickelte, gehörte zum Amt Gerstungen. 1593 war Christoph von Boyneburg Gutsbesitzer.

Mit Errichtung einer eigenen Kirche im Jahr 1604 wurde in der Nähe der Kirche auch ein kleines Schulhaus gebaut, so dass nun auch Schulkinder in Kleinensee unterrichtet werden konnten. Die evangelisch-lutherische Gemeinde Kleinensee war seit 1604 eine Filiale der Pfarrei Dankmarshausen und gehörte zur Sachsen-Eisenachischen Diözese und Amt Gerstungen.

 

Die Kirchengemeinde blieb jedoch Filiale von Dankmarshausen 2, bis sie de facto 1952 durch die Ziehung der innerdeutschen Grenze, de jure aber erst 1972 abgetrennt wurde und zur evangelischen Landeskirche von Kurhessen und Waldeck kam. Sie wurde zunächst der Pfarrstelle Bosserode zugeordnet, heute gehört Kleinensee neben Leimbach zur Pfarrei Widdershausen.

 

Erste Kirchenbauten

 

Altes Bild der Kirche

Wann exakt in “Cleynen Sehe“ die erste Kirche erbaut wurde, scheint urkundlich nicht nachweisbar . Die ältesten kirchlichen Dokumente sollen besagen, daß 1525 ein erstes provisorisches Gotteshaus gebaut wurde . Die Existenz einer Kirche in dieser Zeit beschreibt auch die Schul-Chronik von Kleinensee. Danach soll die Kirche zu Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden sein. Tatsächlich zeigen Skizzen des Seulingssees und der umliegenden Gemeinden aus den Jahren 1556-1577 auch in Kleinensee eine Kirche, die aber auf einer neueren Zeichnung von 1683 nicht mehr dargestellt ist. Weitere Quellen berichten, daß der Ort bis 1604 zu Dankmarshausen eingepfarrt war. In jenem Jahr sei gleichzeitig mit der Einrichtung einer eigenen Schulstelle und der Anlage des Totenhofes auch eine Kirche gebaut worden, so daß Kleinensee eine Filiale von Dankmarshausen wurde. Vor dieser Zeit besuchten die Einwohner die Kirchen in Großensee und Dankmarshausen.

 

Wahrscheinlich ist jedoch, daß vor 1630 keine Kirche bestand. Mehrere Dokumente belegen, daß in diesem Zeitraum das erste Gotteshaus entstand . Das älteste Stück der heutigen Kirche, ein goldener Weinkelch, trägt im Fuß eingraviert die Jahreszahl 1632. Vermutlich wurde er von den adligen Gutsbesitzern, der Familie von Boyneburg, zur Einweihung der Kirche gestiftet.

Schriftlichen Quellen ist zu entnehmen, daß in der alten Kirche die Angehörigen der adligen Familien bestattet wurden. Die Familie von Boyneburg, seit dem 16. Jahrhundert Gutsbesitzer, hielt dieses Recht inne, obwohl sie keine Patrone waren. Sie hatten jedoch die Kleinenseer bei Erbauung der Kirche wesentlich unterstützt, vor allem in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Die Familie von Vultejus, die das Gut etwa 1736 erwarb,   beanspruchte in der Folge das gleiche Recht. So ließ Carl von Vultèe seinen jüngsten Sohn, der am 28. Oktober 1783 verstarb, in der Kirche beerdigen.

 

Damit entbrannte ein Jahre andauernder Streit; die Kleinenseer Kirchenältesten und der Pfarrer fürchteten Gefahren für die Gottesdienstbesucher, da man aufgrund des harten Bodens die Gräber nicht tief genug ausheben konnte. Kurzerhand schloß Pfarrer Wilhelm Voppel die Kirche ab, doch der Schulmeister Christoph lllhardt ließ Carl von Vultée ohne Erlaubnis ein, sodaß jener neuerlich Arbeiten an einer Grabstätte ausführen lassen konnte.

Schließlich wurden die Bestattungen vom Hessischen Kirchen-Consistorium in Kassel verboten, da laut einer Verordnung vom 1. Februar 1726 nur die Patrone in der Kirche beerdigt werden durften.

 

Der Totenhof

 

Nicht nachweisbar ist, ob der Totenhof damals um die Kirche angelegt wurde. Bei Bauarbeiten an einer Wasserleitung nahe der Kirche sollen menschliche Knochen gefunden worden sein. Die Kirchenstatistiken weisen aus,daß der Totenhof erst bei Neubau der Kirche nach außerhalb des Dorfes verlegt wurde. Eine Zeichnung des Kleinenseer Rittergutes und derzugehörigen Grundstücke von 1737 zeigt den Totenhof schon zu dieser Zeit als Teil des von Vultèischen Allodial-Gartens außerhalb des Dorfes . Dort befindet er sich heute noch, zwischen Dorfgemeinschaftshaus und dem Ortsausgang an der Burgstraße.

 

Der Neubau

 

Feststeht, daß die alte Kirche so baufällig wurde, daß sie Ende Juni 1829 geschlossen werden mußte, da der Einsturz drohte. Die Gottesdienste fanden von nun an in der Schulstube statt, die jedoch für die Gemeinde nicht groß genug war und die meisten Zuhörer dicht gedrängt stehen mußten. Man wollte die Wiedereröffnung der alten Kirche erreichen, so wurde sie durch das Aufstellen von Stützen und Streben durch den Zimmermann Johannes Zierdt gesichert. Nachdem dasLäuten schon lange verboten war, wurde eine kleine Glocke draußen nahe der Kirche aufgestellt.

 

Im Oktober 1830 wurde von Landbaumeister Müller aus Hersfeld ein erstes Gutachten erstellt. Er berichtete, daß die Kirche aus altem Holz nicht mehr zu reparieren sei. Sie konnte nicht wieder geöffnet werden. Pfarrer Albert Hartung aus Dankmarshausen und der Landbaumeister plädierten für einen Neubau und fanden in Kreisrat Karl Hartert aus Hersfeld Unterstützung, ihr Vorhaben voranzutreiben. Pfarrer Hartung äußerte seine Wünsche an die Ausführung der neuen Kirche: die Orgel sollte nicht wieder in der Mitte des Schiffs, sondern “gleich über dem Beichtstuhl“ eingebaut werden,damit “von demselben gleich die Treppe zu ihr gehen kann“. Der Altar “solle weiter vorgerückt werden, damit er nicht unter der Kanzel stehe“. Hartung wünschte sich eine Kirche für 400 Zuhörer!

Kleinensee hatte seinerzeit 351 Einwohner, davon waren 120 Personen männlichen und 136 Personen weiblichen Geschlechts über 14 Jahre alt. Laut Hartung besuchten davon 212 regelmäßig den Gottesdienst. Doch Landbaumeister Müller wußte um die rechte Größe des Entwurfes. Man einigte sich auf je einen Platz für jedes der 53 Kleinenseer Häuser, zuzüglich 9 Plätzen und Ständen für die adlige Familie und die Kirchenältesten.

Der erste Entwurf wurde von Müller im Mai 1833 gezeichnet. Er wurde so nie vollendet, doch zeigt er viele Details, die man noch heute an der Kirche erkennen kann. Zum Entwurf gehörte auch der Kostenanschlag, der für das 70 Fuß lange und 42 Fuß breite Bauwerk Lohn- und Materialkosten in Höhe von 3210 Talern vorsah. Im August 1834 ersuchte man bei der Kurfürstlichen Regierung der Provinz in Fulda um eine Genehmigung. Da der Kirchenkasten aber lediglich einen Sollposten von 58 Talern auswies, konnte mit dem Bau nicht begonnen werden. Es wurde vorgeschlagen, den ebenfalls neu zu errichtenden Schulsaal auch als Bethaus auszustatten. Noch im Februar 1836 gab es keinen endgültigen Ratsbeschluß der Gemeinde für einen Neubau.

Es ist dem Einsatz von Kreisrat Hartert zu verdanken, daß man den Neubau dennoch erreichte. Der Pfarrer führte regelmäßig Kollekten durch, die Gutsbesitzer von Winkler und von Vultée sicherten einen Beitrag zu. Die Gemeindenbehörden mußten ihre Verschuldung offen darlegen, und man erwirkte ein Darlehen von 1200 Talern bei der Landeskreditkasse in Kassel. Am 8. April 1837 beschloß die Gemeinde den Bau. Bald darauf wurde die Ausschreibung für die Handwerker veröffentlicht.

 

Um weiteres Kapital zu erhalten, wurden Teile der alten Kirche an Gemeindemitglieder verkauft. Nachdem sie abgerissen worden war, begann im April 1838 der Neubau. Am 18. Juli 1838 wurde der Grundstein gelegt, es ist der dritte Sockelstein von links auf der Westseite. Unter diesem Stein befinden sich außer Urkunden über die Kleinenseer Behörden einige Schriftstücke über die Geschichte der Kirche, sowie die Nr. 36 einer Hanauer Zeitung vom 5. Februar 1840. Die neue Kirche wurde an der selben Stelle errichtet an der sich auch das alte Gotteshaus befand. Sie steht auf dem Grund des ehemaligen Ritterguts, welchem sie ursprünglich auch angehörte, direkt an der Thüringer Straße, früher der “Gänsemarkt“ genannt. Der Neubau rückte, um einige Meter größer ausgefallen als die alte Kirche, weiter nach Süden zu den Gutsgebäuden  hin. Man erwarb dazu im Austausch gegen ein Stück Gemeindewiese doppelter Fläche einen Teil vom Garten des Rittergutes. An den Bauarbeiten waren sämtliche  

Handwerker Kleinensees und der benachbarten Orte beteiligt, und wenn sie nur die Transporte des Baumaterials übernahmen. Die Mauern wurden von Maurermeister Krell aus Bosserode gefertigt, die Zimmerleute Conrad Stein und Nicolaus Brill erhielten mehr als 220 Taler für ihre Arbeit, Schreiner waren Philipp Deiseroth und Johannes Zihn, Weißbinder war Simon Oetzel; um nur einige zu nennen.

Auch wenn den Schreinern und Zimmerleuten manche Zeit das Material fehlte, kamen die Bauarbeiten zügig voran. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit bekamen die Kleinenseer ihre neue Kirche: “Geschehen zu Kleinensee, Mittwochen den 7. Oct. 1840 wurde die neue Kirche feierlichst eingeweiht und zum ersten Mal darin gepredigt“ An diesem Tag wurde der Turmknopf, in dem sich einige Urkunden befinden, auf die Spitze gesetzt. Die Texteberichten uns vom Bau der Kirche und einigen Erlassen.

 

Rechnungsführer während des Baues war der Bürgermeister Johannes Jäger. Einige Male wurde er von Landesgeldeinnehmer Adam Kohlhaas geprüft. Obwohl ordentlich abgerechnet wurde, überstiegen die Kosten für den Neubau den Voranschlag um einige hundert Taler. Hatte man Ausgaben von 3210 Talern vorgesehen, so wurden bis zum Oktober 1840 genau 3677 Taler aufgewendet (ohne anfallende Zinsen zu berücksichtigen). Dazu kamen weitere Ausgaben für anschließende Arbeiten an der Kirche, die in den Jahren 1840-1844 noch ausgeführt werden mußten.

Obwohl durch die Versteigerung der Weiberbänke in der Kirche wiederum Gelder eingenommen wurden , hatte die Gemeinde Kleinensee mit Abschluß der Arbeiten eine Kapitalschuld von 2700 Talern und ausstehende Darlehen von 1200 Talern zu je 5% Zinsen , Dabei half nur wenig, daß in der Kollekte des Einweihungsgottesdienstes noch einmal 64 Taler gesammelt wurden.Die Beteiligung der adligen Familien betraf übrigens nur den Erlaß der bestehenden Gemeindeschulden!

Noch 1848 war der größte Teil der Schuld nicht zurückgezahlt, und der neue Bürgermeister Paulus Brill trat ein schweres Amt an. Da die Kirche und der zugehörige Grundbesitz der Kirchengemeinde selbst sind, müssen alle anfallenden Reparaturen, Neubauten eingeschlossen, von der Gemeinde getragen werden.

 

Die Kirche

                

Die Kirche ist eine moderne Saalkirche des 19. Jahrhunderts mit je drei hohen Rundbogenfenstern auf den Langseiten und zweien auf den Breitseiten. Die Eingangstür befindet sich in der Westwand. Sie öffnet sich unter einem spitzgiebligen Vorbau zur Freitreppe, die heute zur Straße “Am Gutshof“ führt . Der Rundbogen der Tür ist erhalten.Die Fassade ist in Werkstein aus Rotsandstein gemauert, welcher aus dem gemeindeeigenen Steinbruch stammt , der heute jedoch nicht mehr genutzt wird. Die rundbogigen Fenstereinfassungen bestehen aus Grausandstein. Einen richtigen Turm besitzt die Kirche nicht, die Glocken sind in einer viereckigen Glockenstube untergebracht, die als Dachreiter auf dem Westgiebel sitzt. Die hölzerne Konstruktion ist von außen verschiefert und schließt nach oben in einem achteckigen Spitzhelm-Aufsatz ab, der die Wetterfahne mit der Jahreszahl 1840 trägt.

                
Im Inneren gibt es dreiseitig Emporen, deren Zugänge an der Westwand direkt neben der Tür hinaufführen. Die Emporen stehen auf sechs hölzernen Vierkantstützen, von denen die hinteren zwei als Dachstuhlstiele für den Turm dienen. Auf der darüberliegenden   Westempore befindet sich auch die Orgel, deren Gebläseraum in den Vorbau über der Tür hineinragt. An der Brüstung befestigt ist das ursprüngliche Altarkreuz, das 1960 ersetzt wurde. In der Mitte der Ostwand, zwischen den Fenstern, befindet sich die Hänge-Kanzel, die durch eine Treppe von Süden erreicht werden kann. Sie weist ein kräftiges Gesims und starke Wulstprofile auf und endet unten in einer hängenden Traube. Die Brüstung und die Konsole sind als Rahmenwerk mit Füllungen ausgeführt. Der Kanzeldeckel ist von einem Strahlenkreuz bekrönt. Die Verblendung, welche den Raum des Pfarrers rechts der Kanzel vom übrigen Schiff abteilt, ist die ursprüngliche Wand des Standes der adligen Familie , Unterhalb der Kanzel befindet sich der Altar aus Eichenholz, der 1960 von Schreiner Wilhelm Knies angefertigt wurde und einen älteren, provisorischen Altar ersetzte. Auch die Eingangstür und die Fenster wurden in diesen Jahren von Knies durch neue ersetzt. Das Gestühl der Kirche, 12 Bänke, ist 1976 als Ersatz zusammen mit einem neuen Fußboden in die Kirche gekommen . Der schwere Deckenleuchter stammt aus den Gutsgebäuden.

 

Instandsetzungen

 

Im Sommer des Jahres 1915, während des Ersten Weltkrieges, wurde der Bau erstmalig renoviert. Dabei entstand ein rundes Deckengewölbe aus Beton, das mit herrlichen Malereien verziert wurde. Die Reste kann man heute noch auf dem Dachboden der Kirche bewundern , Die Urkunden im Turmknopf wurden um eine Mehlkarte, einen Mahlschein, eine Brotkarte und die Nr 214 der “Hessischen Post“, sowie eine Ausgabe des“Casseler Stadtanzeigers“ vom 04.08.1915 ergänzt , der Knopf am 5. August wiederaufgesetzt.

Nach dem Einsturz eines Stollens des Kali-Werkes Wintershall im Februar 1952 entstanden am Gebäude erhebliche Schäden, die eine neuerliche Renovierung nötig machten. Die Kirche war durch das Erdbeben so stark beschädigt, daß sie für ein Jahr aus baupolizeilichen Gründen geschlossen wurde. Bei einer örtlichen Prüfung durch das Staatsbauamt wurde außerdem festgestellt, daß die Holzteile der Dachkonstruktion stark vom Wurm zerfressen waren und so die nötige Standfestigkeit nicht mehr gegeben war. Das Läuten der Glocke mußte eingestellt werden.

Nach Aufmessungen des Ingenieurs H. Wehner aus Kleinensee fertigte der Architekt Erich Auras aus Völkershausen im Mai 1953 die nötigen Bauzeichnungen zur Instandsetzung an . Die statischen Berechnungen führte Franz Hohmann aus Heringen durch, der auch den ganzen Bau betreute. Das Gebäude erhielt zur Stützung einen Stahlbetongürtel,der von der Firma Völlkopf aus Hönebach angelegt wurde. Die alte Gewölbedecke von 1915 mußte einer modernen Kassettendecke aus Holz weichen. Die Mauerkämpfer wurden 50 cm höher als die alten angelegt. Das Rundbogenfester in der Ostwand über der Kanzel sollte wie das kleine Fenster in der Westwand mit vermauert werden, blieb jedoch erhalten, da sowohl der nötige zur Fassade passendeSandstein als auch die finanziellen Mittel fehlten.

Bei den Bauarbeiten fand man in den Mauern verborgen einen Topf, eine Flasche sowie einige Eier. Der Turmknopf mußte erneut eingeholt werden Sein Inhalt war beschädigt, da durch einige von Kugeln geschlagene Löcher Regenwasser eingedrungen war.

 

Die Finanzierung dieser Instandsetzung erwies sich als noch schwieriger wie jene zur Erbauung der Kirche. Der Umfang der Arbeiten wurde als zu gering eingeschätzt und der Kirchenvorstand vergab Aufträge an die Firmen, ohne die erforderlichen Genehmigungen des Landeskirchenamtes und ohne finanzielle Deckung. Die Kosten von annähernd 45.000 DM konnten nur etwa zur Hälfte bezahlt werden, wovon schon 10.000 DM ein Zuschuß der Landeskirche waren. Mit großzügigen Spenden der Einwohner Kleinensees und weiteren Hilfen konnten die Handwerker, die z.T. Jahre auf Ihre Zahlungen warten mußten, zufriedengestellt werden. Wieder einmal war die Erhaltung der Kirche, nicht ohne Konflikte, durch den unermüdlichen Einsatz viele Kleinenseer zustandegekommen.

Auch die Ausführung der Arbeiten blieb nicht ohne Kritik von offizieller Stelle. Das Landeskirchenamt beanstandete vor allem die offene Anbringung der elektrischen Leitungen und der Heizung, sowie den neu erstellten Vorbau über dem Eingang,“dessen steilere Dachneigung als die des Hauptdaches befremdlich wirke“.

 

Um die Kirche

 

Der Eingang zur Kirche, deren Tür und Freitreppe sich auf der Westseite befinden, verlief lange Zeit nach Norden zur Straße “Am Gänsemarkt“. Er wurde an der Straße durch ein kunstvoll gearbeitetes schmiedeeisernes Tor verschlossen. Dieses Tor war nach Abschluß der Renovierungsarbeiten 1953 von den letzten Kleinenseer Schmieden, Heinrich Krapf und Hans Stein unter ungünstigen Arbeitsbedingungen handgearbeitet worden . Die alte Schmiede war zu dieser Zeit bereits aufgelöst und nur noch wenig Werkzeug vorhanden.

Das Landeskirchenamt in Kassel befand jedoch nach der Renovierung: “aufs Ganze gesehen wirkt es ungeschickt, das die Freitreppe von dem Vorbau nach Westen führt, während der Zugang zur Kirche von vorn her erfolgt...“. Offensichtlich gehörte aber das westlich der Freitreppe bis zur Straße “Am Gutshof“ reichende Gelände nicht der Kirchengemeinde . Es wurde erst später erworben und der Zugang nach Westen verlegt. Dabei wurde auch das schmiedeeiserne Tor entfernt und sollte verschrottet werden. Es fand sich jedoch ein Interessent, der es der Gemeinde abkaufte, so das sich das alte Tor der Kirche heute in Privatbesitz befindet.

 

Auf dem Grün zwischen Kirche und Straße stand viele Jahre auch der Gedenkstein für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Heute befindet er sich auf dem Friedhof. Es ist der alte Grabstein des Barons Christian Ludwig Ernst von Winkler, einem der Gutsbesitzer. Es ist überliefert, daß von Winkler, der maßgeblich am Entstehen der neuen Kirche beteiligt war, 1839 im Lenzgrund während eines Frühstücks mit seinen Holzhauern vom Baron Carl von Vultée mit einem Reitstock erschlagen wurde. Von Winkler wurde auf dem Friedhof beigesetzt und erhielt eben jenen Grabstein. Dieser wurde 1926 von einigen Kleinenseern im Gras liegend gefunden und geborgen. Später wurde er frischbehauen und bekam seinen Platz vor der Kirche , von wo er im Frühjahr 1972 auf den Friedhof umgesetzt wurde.

 

 

Auch der alte Kastanienbaum vor der Kirche steht nicht mehr. Er mußte vor vielen Jahren gefällt werden, da die treibenden Zweige das Dach der Kirche beschädigten. Das Fällen war ein großes Problem, um dem Gebäude keinen weiteren Schaden zuzufügen. Doch ein beherzter Heinrich Spörer kletterte hinauf und entfernte die ersten Zweige, sodaß der Baum ohne Gefahr gefällt werden konnte.

 

Die Glocken

 

Zur Zeit der Erbauung befanden sich zwei Glocken im Turm, sowie eine alte eiserne Turmuhr. Beide Glocken sind nicht mehr vorhanden. Die größere von beiden war von Johannes Ullrich zu Hersfeld im Jahr 1686 gegossen worden. Wohin diese Glocke kam, ob sie eingeschmolzen oder verkauft wurde, ist nicht bekannt. Die zweite Glocke, eine Stahlglocke unbekannter Herkunft, trug keine Aufschrift. Die Glockengießerei Junkers, die 1953 das neue Geläut lieferte, nahm eine Klanganalyse der Glocke vor: “Herr Junker erklärt, daß die Glocke tonal eine Unmöglichkeit ist... DieGlocke zeigt eine solche Wirrnis von Tönen, daß sie nicht weiterverwendet werden kann“ . Sie wurde der Firma Junkers überlassen, mit DM 0,20 je Kg als Schrottwert vergütet und eingeschmolzen. Heute befinden sich vier Glocken im Kirchturm. Die kleinste und älteste Glocke ist heute das Totenglöckchen, sie rief bis 1952 noch die Christen zum Gottesdienst auf. Sie ertönt in ges“. ist herrlich verziert und trägt die Inschrift: “Johann George Krieger goß mich in Breslau zur Zeit des Pastors Richter im Jahre 1788“. Dieser Glocke wurden bei der Instandsetzung 1953 zwei Glocken aus “Briloner Super-Bronze“ hinzugefügt, die zusammen 401 Kg wiegen. Beide stammen aus der Glockengießerei Junkers in Brilon, ebenso wie der 780 kg schwere Glockenstuhl . Zunächst sollte nach Plan des Bürgermeisters Krapf nur eine Glocke neu angeschafft werden und eine zweite gebraucht aus Hundsdorf gekauft werden. Die Hundsdorfer verlangten aber dengleichen Preis, den man auch für eine neue Glocke bezahlen mußte. So entschied man sich für zwei neue Glocken.

 

Die erste Glocke hat einen Durchmesser von 0,75 m und ertönt in des“. Sie trägt die Inschrift: “Weihnachten 1953 - Ich bin die Stimme des Himmels, wenn Du mich hörst, hörst Du Gottes Stimme. Mich goß Meister A. Junker, Brilon, für die ev.Kirche Kleinensee“. Die zweite Glocke mit einem Durchmesser von 0,67 m ist eine es“-Glocke, sie trägt die Inschrift: “Weihnachten 1953 So nah der böse Feind uns droht, Gott helfe uns in aller Not. Mich goß Meister A. Junker, Brilon, für die ev.Kirche Kleinensee.“

 

Bei der Wiedereröffnung der Kirche Weihnachten 1953 bezeichnete Bürgermeister Wilhelm Krapf diese beiden Glocken als das schönste Weihnachtsgeschenk für die Gemeinde Kleinensee. Die Glockenweihe fand am 18.12.1953 statt , das elektrische Läutewerk der Firma Philipp Hörz aus Ulm wurde Silvester 1953 zum ersten Mal in Betrieb genommen. Die vierte Glocke in Kleinensee stammt von 1962 und wurde von den Gebrüdern Bachert in Kochendorf gegossen. Auch sie trägt eine Inschrift; “Bekümmert Euch nicht, denn die Freude am Herrn Christus ist Eure Stärke“ (Joh. 8, V. 10).

 

Die Orgel

 

Die Orgel ist eine dreitürmige Barockorgel mit Schleierbrettdekor und stilvollen Schnitzereien am Prospekt. Er wird ergänzt durch zwei Flügeltürme, wobei das Mittelstück der Orgel älter sein könnte als die beiden Flügel. Sie stammt aus den Jahren 1720-1740 und begleitete auch schon in der alten Kirche den Gottesdienst, vermutlich ist sie ein Werk des Friedewälder Orgelbauers Schlottmann. 1838-1840 wurde sie von Kreisorgelbaumeister Ziehse ausgebaut, repariert und in die neue Kirche eingesetzt.

 

Die Orgel zählt damit zu den ältesten Orgeln dieser Art in Hessen. Der Mittelturm wird seitlich von zwei Wappen flankiert von denen das rechte das Wappen des Carl von Vultée ist.

Die Orgel wurde 1953 ebenfalls gründlich überholt. Zur Renovierung schreibt Werner Bosch, Orgelbauer aus Kassel; “Die Störungen in der Orgel sind durch Verklemmungen eingetreten, weil das Dach im Motorraum nicht verschlossen ist, und so die feuchte Luft von außen in die Orgel geblasen wurde“ . Allein die Reparatur der Orgel kostete 3400 DM.

 

Das ursprüngliche 2. Manual der Orgel fehlte damals vollständig, es wurde 1968 neu eingesetzt, als die Orgel zum zweiten Mal, wiederum von Werner Bosch, restauriert werden mußte. Alle Pfeifen und der Motor wurden ersetzt, ebenso die Mechanik, und auch die Holzteile wurden, mit Ausnahme der alten Barockfassade,erneuert. Die Orgel hat heute 2 Manuale, 12 Register und 768 Pfeifen, daneben 12 tote Pfeifen. Sie wurde am Weihnachtsabend 1968 neu eingeweiht.

 

Das Abendmahlsgeschirr

 

Das Abendmahlsgeschirr der Kleinenseer Gemeinde erzählt uns seine eigenen Geschichten. Die wertvollsten Stücke sind ein goldener Weinkelch und ein goldener Teller, die beide im Jahr 1990 restauriert wurden . In den Fuß des Kelches eingraviert ist die Jahreszahl 1632 , Weiterhin vorhanden sind ein Zinnteller ohne Aufschrift, sowie zwei zinnerne Weinkannen. Die ältere von beiden zeigt auf dem Deckel die Inschrift:“J.M. Oehring Pastor 1753“. Johann Michael Oehring war, einige Jahre von seinem bald verstorbenen Sohn Adolph substituiert, von 1740 bis 1768 Pfarrer in Dankmarshausen. Er starb dort 1770 , Der zweite Krug trägt eine im Einstichverfahren gravierte Inschrift: “Der Kirche zu Kleinensee aus dankbarem Andenken geweiht von Heinrich Haudel, geb. den 11.07.1832 zu Kleinensee, gest. den 25.09.1853 zu Treskow in Amerika. 1865“ , Heinrich Haudel wurde zum angegebenen Tag in Kleinensee als Sohn des Schullehrers Johann Friedrich Haudel und dessen Ehefrau Catharina Elisabeth Rommer geboren. Als junger Mann entschied er sich, wie viele seiner Zeitgenossen, geplagt von Mißernten, schlechter Ernährung und Krankheiten im eigenen Land, auszuwandern. Im Alter von siebzehn Jahren verließ er im März 1850 Kleinensee mit einem Vermögen von 100 Talern und ging nach Amerika . Sein weiterer Lebensweg bis zu seinem Tod ist unbekannt.

 

Geschichte

 

Seit der frühen Neuzeit sind die Straßen von Frankfurt (meist über Eisenach-Erfurt) nach Leipzig überliefert. Landgraf Philipp der Großmütige und sein Sohn Wilhelm von Hessen-Kassel wollen nämlich -angeregt 1556 durch ein Sachsen-Weimarer Ersuchen das Geleit von den .‚kurzen Hessen“ über Berka Hersfeld fortlegen und den schweren Lastenverkehr, der zu den Messen führte, allein auf die „langen Hessen“ beschränken. Diese gingen zwar gleichfalls von Eisenach aus, zogen aber durch Creuzburg und weiter nördlich über Waldkappel oder gar Walburg auf Homberg/Efze.

 

Dagegen zielte die eigentliche Hauptader der von Leipzig kurz durch Hessen nach Frankfurt verlaufenden Fernwege durch Obersuhl oder nördlich an Dankmarshausen vorbei jeweils am Rande des versumpften Senkungsgebietes der „Rhädern“ zur Steinhäuser Mühle und weiter durch Großensee nach Hönebach, wo sich der Ver­kehr nach Hersfeld hin erneut teilte. Doch vereinigte sich im Norden von Hönebach am Waldrand beim „Spieß“ zusätzlich ein von Großensee über den Heiligenberg heraufsteigender Zweig mit einem nördlichen, ab Raßdorf bezeugten Straßenzug; er führte wohl schon von Gerstungen Untersuhl, sicherlich aber von Berka aus Verkehr über Obersuhl heran. Obendrein macht auch der von Dankmarshausen südlich Kleinensee vorüberziehende „Neue“ oder „Rote Weg“ (nach Friede­wald), der noch 1535 bis zur ‚Wolfskaute“ (Höhe 403,7) fürs sächsische Geleit be­ansprucht wurde, einen etwas älteren Eindruck. So könnten die beiderseitigen Landesherrn etwa nach 1413, als Hessen mit Burg Wildeck Hönebach erwarb, zeitweise einen Straßenzwang zu Gunsten der Mittelstrecke über das vermutliche Steinhaus bis in den Hönebacher Sattel ausgeübt haben; das würde vielleicht die Vielzahl der überlieferten Straßen in diesem unübersichtlichen Grenzbezirk erklären.

Die alte, heute weitgehend von der Autobahn begleitete Höhenstraße im Zuge der „kurzen Hessen“ erklomm den Krapfberg hinauf strack den Rücken des großen land­ gräflichen Jagdforstes Seulingswald, zog dort am „Zollstock“ wie am berühmten „Nadel öhr“ (nahe einer damaligen Einsiedelei) vorüber und verzweigte sich oberhalb des Burgfleckens Friedewald, der unmittelbar an der Werra-Fuldascheide liegt.­

 

1401 gehörten zu dem Gericht Friedewald die Dörfer Friedewald, Ausbach und Herfa sowie die Wüstungen Richolferode, Weißenborn und Wundorf. Von diesen bildete Ausbach zu Ende des 15. Jahrhunderts vorübergehend ein eigenes Gericht, bald nach 1647 wurde es an das Amt Landeck abgegeben. Im 16.Jahrhundert traten hinzu Lautenbach und die Höfe Ober-Neurode und Weisenborn 1700 die von Hugenotten gegründete Ansiedlung Gethsemane. Diese sieben Orte bildeten das Oberamt Friedewald, während das Gericht Heringen mit Widdershausen, Wölfers­hausen, Vitzeroda, Lengers und den Höfen Leimbach, Abteroda, Gasteroda, Bengen­dorf, dazu mit dem 1733 im Austausch von Sachsen-Weimar an Hessen überlassenen Dorf Kleinensee des sächsischen Amtes Gerstungen und dem nach dem Dorfbuch von 1747 neugegründeten Hof Füllerode das Unteramt Friedewald. Außerdem mußten diejenigen Dippacher, die die bereits 1432 zum Gericht Heringen zäh­lende Wüstung Buren bei Widdershausen innehatten, ferner die Inhaber der Wüstung Geidenstadt aus Heimboldshausen und Harnrode an das Heringer Gericht gehen. In dieser Gestalt blieb das Amt Friedewald bestehen bis zum Jahre 1815. Auf dem Wiener Kongreß verpflichtete sich der Kurfürst von Hessen, an den Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach neben anderen Distrikten und Ortschaften die zum Amt Friedewald gehörigen Orte Dippach, Gasteroda, Vitzeroda und Abteroda abzu­treten . Nach einem kurfürstlich-hessischen Patent vom 31. Januar 1816 wurden die genannten Orte abgegeben. Im Jahre 1821, als in Hessen die preußische Kreis­einteilung eingeführt wurde, lösten sich endgültig die Beziehungen Friedewalds zu Rotenburg. Nach einer kurhessischen Verordnung vom 30. August 1821 wurde das alte Amt Friedewald mit dem Amt Landeck zu einem großen Amt Friedewald ver­einigt, bestehend aus Friedewald, Hof Faßdorf, Hof Weisenborn, der Heiligenmühle, Rothenmühle, Ziebachsmühle, Ausbach, Bengendorf, Konrode, Dinkelrode, Gethse­mane, Harnrode, Hof Geidenstadt, Heimboldshausen, Herfa, Heringen, Hof Füllerode, Hillartshausen mit Hahnmühle, Hilmes, Kleinensee, Kohlhausen, Landers­hausen, Lampertsfeld, Lautenhausen, Oberneurode, Rohlingsmühle, Leimbach, Len­gers, Malkomes, Motzfeld, Nippe, Oberlengsfeld, Philippsthal-Kreuzberg, Ransbach, Rimmerode, Röhrigshöfe, Schenklengsfeld, Schenksolz, Thalhausen, Unterneurode, Wehrshausen, Widdershausen, Wölfershausen und Wüstefeld. Es gehörte seit diesem Jahr zum Kreis Hersfeld und war der hessischen Provinz Fulda zugeteilt.

 

Ohne Zweifel gehörte Süß ehemals, d. h. noch am Anfang des 14. Jahrhunderts, zum Amt Wildeck. Als nun dieses 1413 an Hessen und das fuldische Gebiet um Gerstungen 1402 an Thüringen kamen, wurde eine Auseinandersetzung für die fuldischen Erben unumgänglich. Nach den ältesten urkundlichen Nachrichten, die oben zusammengestellt wurden, ergab es sich, daß ein großer Teil des Dorfes Süß in den Händen der Trott war. Die frühesten sächsischen Ansprüche konnten für das Ende des 15. Jahrhunderts festgestellt werden. Ob auf Grund der Tatsache, daß das Dorf Süß bis 1733 dauernd vom sächsischen Amt Gerstungen behauptet wurde, das größere Recht auf sächsischer Seite zu suchen ist, bleibe dahingestellt. Jedenfalls scheint es so, als ob die Trott, ehe sie und der Landgraf als ihr Lehnsherr eingreifen konnten, ohne Anwendung offener Gewalt verdrängt wurden, ein Verfahren, das die mittelalterlichen Herrschaften zur Erweiterung ihrer Territorien allgemein an­wandten.Die sächsische Anspruchsgrenze von 1543 verfolgte dasselbe Ziel, indem sie den östlichen Teil des Trottenwaldes, der sich im Süden an die Gemarkung des Dorfes Süß anschließt, durch den Grenzzug Röd (180) Dornhecke(115) von dem Trottenbezirk abriegelte.

 

Die hessische Grenze gegen das sächsische Amt Gerstungen

 

Auch in diesem Abschnitt sind die Erklärungen, die über die Verhältnisse des Dorfes Süß gegeben wurden, zu verwenden. Dazu kommt, daß die sächsischen An­spruchsgrenzen auf alte Tradition zurückgehen. Die Grenze zwischen Thüringen und dem Hessengau wirkt in ihnen nach. Zwischen Großensee und Hönebach bildet sogar die Gaugrenze den Scheid bis in die Gegenwart und erklärt so den merkwürdigen und tiefen Einbruch der thüringischen Grenze.

Den Verlauf der Grenze zwischen Thüringen und dem Hessengau, von der aus­zugehen ist, um die verschiedenen Phasen der Grenzentwicklung zu verstehen, zeigen die Werra-Fulda-Wasserscheide und die Gerstunger Markbeschreibung von etwa 1450. In derselben Weise, wie die Gerstunger Markbeschreibung, die nur bis zu den hohen Bäumen (173)   die alte Grenze bestimmt, biegt die sächsische Anspruchsgrenze von 1543, die Gemarkungsgrenze des Dorfes Süß verfolgend, nach Osten ab und gelangt über den Ziegelsberg (166), den Arnsberg(40),   Rexrode(Wüstung-Östlich von Blankenbach) und den Viereckenstein (41) bis an den Bilstein bei Wommen, nachdem sie am Anfang ihrer Grenzführung ein gutes Stück ostwärts zurückgetrieben war. Von der Grundlosen Grube (194) bis zur Ecke (73) stimmt sie zunächst mit der Gerstunger Grenze überein, zieht aber dann über den Dicken Grund (71) und das Myenthal (70) in östlicher Richtung weiter, um die Gemarkungsgrenze des Dorfes Bosserode und den Scheid zwischen Schloß Wildeck und dem Hof Liebenz bei der Kolgrube (114) zu benutzen. Von der Dornhecke (115) führt sie stracks durch der Trotten geheltzs (hier tritt der bereits erwähnte sächsische Anspruch auf) an der Westgrenze des Dorfes Süß entlang und stößt bei dem Steinbühl (171) auf die Gerstunger Markgrenze.

 

An der hessischen Grenze gegen Großensee, die ohne Zweifel sehr alt ist, gab es bis in neuere Zeit Streit ohne Unterlaß. Die älteste hessische Grenzbeschreibung, die hier den Scheid festsetzt, stammt aus dem Jahre 1538 und gibt von der Scheideiche (80) bis zur Gemarkung des Hofes Raßdorf denselben Verlauf wie die sächsische Anspruchsgrenze von 1543. Während von der Scheideiche an nordwärts die sächsisch-hessische Grenze im wesentlichen dasselbe Bild wie die moderne Landesgrenze zeigt, traten südwärts starke Abweichun­gen in den sächsischen bzw. hessischen Grenzgängen ein. Hessen forderte nach einem Weistum vom 10. Mai 1550, in dem zum ersten Mal dieser Anspruch erhoben wurde, daß die Grenze an dem ehln teichen hinab in südöstlicher Richtung das Dorf Kleinensee erreichen sollte.

 

Ein Bericht des hessischen Rates Simon Bing, des Vogtes von Friedewald, Peter von Boyneburg, und des Försters zu Heringen, Balzer Schmer, der im Jahre 1555 für die Kasseler Regierung verfaßt wurde, folgte den Aufstellungen des besprochenen Weistums. Seine sehr ausführlichen Angaben werden durch eine Kartenskizze er­läutert, nach der ganz offensichtlich der Seulingssee, der ehemals zwischen Großensee und Kleinensee lag, mit zwei Fischerhäusern in die hessische Grenze einbezogen wurde.

 

Den Vorbereitungen der Konferenz in Großensee, die am 6. Oktober 1556, also einen Tag vor der erwähnten Konferenz zu Süß stattfand, dienten jener hessische Bericht des Rates Simon Bing und die Grenzbesichtigung am 5. Oktober 1556, an der u. a. der Kanzler Heinrich Lersner als Abgesandter Hessens, die Amtleute benach­barter Ämter und sächsische Abgeordnete teilnahmen. Die sächsische Vertretung hielt sich von der Grundlosen Grube (194) bis zur Scheideiche (80) an den Grenzzug der sächsischen Anspruchsgrenze von 1543, während die hessische die Beschreibungen der Jahre 1550 und 1555 ihrem Grenzgang zugrunde legte. Auf der Tagung selbst kam es trotz aufrichtigen Bemühens der Parteien zu keiner Einigung. Ohne einen bestimm­ten Termin festzusetzen, wurde die endgültige Regelung in Aussicht gestellt.

 

Kurz darauf suchte Hessen seinen Anspruch dadurch zu stützen, daß man den  alten Förster und Landknecht zu Friedewald, der von 1510 bis 1550 im Dienste stand, Hennchen Jäger, am 25. Oktober 1556 als Zeugen vernahm. Seine Aussage ließ die Forderungen der hessischen Vertretung auf der Konferenz zu Großensee zu Recht bestehen.

 

Die Irrungen wegen des Geleits und der Landesgrenze am Seulingswald, die vor allem die Ostgrenze des Gerichts Heringen im Amt Friedewald betrafen, dauerten bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts fort. Die Grenzstreitigkeiten an der Gemar­kung Hönebach erhielten in diesem Zusammenhang ihre Behandlung. Auf der Kon­ferenz zu Berka (18. Mai bis 24. Mai 1557) hielten die hessischen Abgeordneten an der Meinung fest, die sie von 1350 bis 1356 vertreten hatten.

Von sächsischer Seite liegt aus dem selben Jahr (1537) ein Bericht vor, der die öfter erwähnten Forderungen beider Parteien und sächsische Zeugenaussagen auf der Konferenz zu Berka, die sich der Grenzbeschreibung von 1343 anschließen, enthält.

 

Daß es sich bei der hessischen Grenzführung von dem Talgrund Elteich (190) bis zum Dorf Kleinensee um einen Anspruch handelte, der nicht durch historische Überlieferungen, sondern nur durch angemaßtes Recht man mag sich dabei auf Ge­wohnheitsrecht gestützt haben begründet war, zeigt der Vertrag vom 6. Juli 1562, der Hessen aus dem beanspruchten Gebiet vollständig herausdrängte und es hinter die Linie Grundlose Grube (194) Scheideiche(80) zurückwies. Sie blieb bis auf unsere Zeit eine Grenze Thüringens, wie die Beschreibungen vom 3./4. Juli 1393, von 1694 und aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts zeigen, die jeweils auf die älteren zurückgreifen.

 

Die Scheideiche (80), die zwischen den Dörfern Hönebach und Großensee an der Straße ‚durch die kurzen Hessen‘ stand, bestimmte nicht nur die Landes-, sondern auch die Geleitsgrenze, wie der Bericht des hessischen Rates Simon Bing von 1335, der zum ersten Mal auf diese Dinge eingeht, verdeutlicht.Eine Urkunde vom 16. August 1306, in der von der Stelle gesprochen wird, wo hessisches und thüringisches Geleits­gebiet zusammenstoßen, mag hierein zuordnen sein.

 

Die sächsische Anspruchsgrenze von 1343, die die zweitePhase im Kampf um die sächsisch-hessische Landesgrenze bildete, mußte bald aufgegeben werden, weil sie an verschiedenen Stellen, z. B. Dornhecke (113) Röd (180)und Hohe Süß (170) Arnsberg (40), hessiscbes Gebiet vollkommen unrechtmäßig forderte, was auch nie­mals von Hessen anerkannt wurde.

An der Flur des Dorfes Bosserode und des Hofes Raßdorf, die fuldisches Lehen waren, setzt die Grenzbeschreibung eines Vertrages vom 13.März 1363 ein, den Landgraf Philipp mit den von Boyneburg wegen Irrungen am Mohlenberg im ampt Wildegk schloß. Es wurden dort und am Munthal (70) 8 Steine gesetzt.

 

Gegen Sachsen änderten sich die Verhältnisse im Laufe des 16. und 17. Jahrhun­derts völlig. Seine Anspruchsgrenze von 1543 konnte es nicht halten, vielmehr wurde sie weit nach Südosten zurückverlegt, so daß nur das Dorf Süß mit seiner Gemarkung als sächsiscbe Exklave bestehen blieb. Als am Anfang des 18. Jahrhunderts die Grenze des Amtes Gerstungen gegen das Amt Rotenburg in der Nähe des Dorfes Obersuhl festgelegt werden sollte, stieß man auf eine so große Verwirrung, daß an eine Neu­regelung im Augenblick nicht zu denken war. Die sächsische Vertretung betrachtete das Dorf Obersuhl als hessische Exklave, weil es mit seinen Jeldern und fluren mitten im amteGerstungen und um und um mit dessen grenzen umzogen sei. Die Grenze lief nach sächsischer Ansicht von der Obersuhler Höhe (189) die Straße nach Bosserode entlang und schloß das Gebiet der Höfe Schildhof und Almushof und des Dorfes Richelsdorf bis zu der Linie Hohe Süß (170) Arnsberg(40) ein. Dagegen wollte Hessen Obersuhl als Exklave nicht anerkennen, weil die nördlich Obersuhl liegenden Ortschaften immer zum hessischen Territorium gehört hatten. Deshalb zog es seine Grenze übereinstimmend mit der Gemarkungsgrenze des Dorfes Obersuhl. Der Landgrafschaft sicherten urkundliche Zeugnisse und die Grenzbeschreibung von 1539 ihr Recht. Die letztere war 1539, nachdem Landgraf Philipp die Lehenschaft über das Dorf Richelsdorf von der Abtei Fulda erworben hatte, zwischen diesem und Georg von Kolmatsch, der Richelsdorf zu Lehen hatte, wegen des Hofes Schildhof und der von Øbersuhlgebrauch aufgestellt worden. Von der Oberschar (182) wurde die Grenzlinie über den Tempelgraben (187), den Wagnersberg (188) und den Diebsgraben (56) bis zu dem Punkt, an dem die Gemarkungen von Richelsdorf, Untersuhl und Obersuhl zusammenstoßen, festgelegt.

 

An der Gemarkung des Dorfes Obersuhl, das seit 1413 hessisch war, gab es seit dem 16. Jahrhundert Streitigkeiten, die bis in das18. Jahrhundert fortdauerten und ansehnliche Objekte betrafen. Für das Geleit innerhalb der Flur bestimmte der Berkaer Vertrag vom 28. September 1574, daß Sachsen ebenso wie Hessen an der sächsischen Exklave Süß beteiligt sein sollte.

An dem Rehden, einem Hutebezirk, der 1000 Acker groß zwischen Obersuhl, Dank­marshausen und Bosserode liegt , waren die genannten Dörfer beteiligt. Weil er vor Zeiten zu dem Seen- und Sumpfgebiet von Großensee gehörte und noch zu Beginn der Neuzeit stark versumpft war erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde seine Austrocknung systematisch durchgeführt,konnte an eine Abgrenzung natürlich nicht gedacht werden. Durch diese Tatsache können die Streitigkeiten, die im 16. Jahrhundert um die Hute einsetzten, erklärt werden.

 

Angaben über die Größe des Bezirks sind durch eine sächsische Beschreibung, die ausdrücklich betont, daß sie nur ein ungefehrer abriss sei, weil man wegen des sumpfs dermalen zu keinem grundriss [hat]gelangen können, und durch die Zeichnung des hessischen Kartenwerks von SCHLEENSTEIN gegeben. Einen Teil der Hutegerechtigkeit hatte das Dorf Obersuhl pachtweise von dem Amt Gerstungen erhalten. Als nun 1543 der Pachtzins erhöht werden sollte, begann ein Streit, um dessen Beilegung 1574 und 1676/1679 verhandelt wurde. Am 27. Januar 1676 beriet man auf einer Konferenz zu Berka über die Erhöhung des Zinses und die Zuständigkeit der Hute und führte die Untersuchung auf einer zweiten vom 14. Oktober bis 5. November 1679 weiter. Am letzten Verhandlungstag machte man den Vorschlag, das von der Gemeinde Obersuhl gepachtete Land im Rheden auszuwechseln. Dem kam aber die Kasseler Regierung, der die Rotenburger Beamten referierten, nicht nach.

 

Schließlich gab es noch im äußersten Südosten des Kreises Rotenburg eine Irrung an der sächsisch-hessischen Grenze, bei der es sich darum handelte, ob die Bosskeule (58), ein 50 Acker großes Feld- und Wiesengelände, in die Gemarkung der sächsischen Dörfer Berka und Untersuhl oder in die des hessischen Dorfes Obersuhl einbezogen werden sollte. Die Rotenburger Beamten richteten an die Kasseler Regierung zwei Schreiben vom 10. März 1660 und 19. April 1661, in denen sie die Boßkeule für das hessische Territorium forderten.

 

Während der erwähnten Berkaer Konferenz (1679) kam man nach vorangegangener Besichtigung auch auf diesen Gegenstand zu sprechen. Dieweil aber kein theil dem anderen nachgeben wollen> so wird die beilegung solches streits bis zukünftiger Konferenz ausgesetzt „.

Dieser letzte Satz, den wir anführten, weil er typisch ist, bezeichnet die Situation im ganzen. Alle Irrungen und Wirrungen an der sächsisch-hessischen Grenze, für die zunächst inoffiziell eine Lösung gesucht wurde, die dann auf den Konferenzen be­sprochen, aber nur selten beigelegt wurden, schleppten sich durch Jahrhunderte hin. Eifrigem Bemühen widerstand eine kleinliche Außenpolitik, die, befangen in ihrer Vorstellung von mittelalterlicher Herrschaft, noch nicht an den geschlossenen und abgerundeten, modernen Territorialstaat dachte. So blieben die Verhältnisse unent­schieden, ihre Klärung wurde, während sich Proteste und Klagen häuften, von Kon­ferenz zu Konferenz vertagt.

 

Als im Jahre 1733 die Verträge zwischen dem Herzogtum Sachsen und der Landgrafschaft Hessen geschlossen wurden, die in einem Austauschverfahren allem Streit ein Ende bereiteten, war der Anfang zu neuer territorialer Bildung gemacht. Die Dörfer Bosserode und Süß und der Vultejische Unterhof Raßdorf fielen an Hessen von dem Rheden wurde der von der Gemeinde Obersuhl genutzte Teil hessisch, während der größere bei Sachsen blieb.

 

 

Über die nördlichen Teilstücke der Grenze (gegen das Amt Gerstungen), in der Nähe von Kleinensee, die ja von der Heringer Gerichtsgrenze nicht berücksichtigt waren, unterrichten die Grenzbeschreibungenaus den Friedewalder Salbüchern und die Verträge mit Sachsen. Nach dem Weistum aus dem Jahre 1537 beanspruchte Hes­sen das Gebiet südlich der Linie Hönebach-Großensee-Kleinensee-Dankmarshausen. Der Scheid sollte gehen zwischen dem dorff [Großensee] undt unsers gnädigen für­sten und Herrn sehdych [Seeteich], doselbsthin nach dem ort Cleinen Sehe,und durch Cleinensehe hier die Landtwehr, furthan nach der Martpach(195). Dieselbe Forderung der Grenzziehung stellte ein hessisches Weistum vom 10. Mai 1550, ebenso eine grenitz nach dein Sulingssee warts vom Jahre 1555, eine Forderung, die hessischerseits sogar auf einer sächsisch-hessischen Konferenz (18. Mai 1557) erhoben wurde. Ihr ist von sächsischer Seite bereits 1543 entgegen getreten und 1557 eine sächsische Grenzbeschreibung entgegengestellt worden. Schließlich hat ein Vertrag vom 6.Juli 1562 diese Irrungen an der Friedewalder Grenze bei Kleinensee endgültig beseitigt. Hessen mußte seine Ansprüche aufgeben. Es wurde verabredet, daß die Landgrenzen zwischen Dankmarshausen und Widdershausen unten an der Werra im Marbacher Graben (195) anfangen, im Marbachgraben hinauf bis an den Lerchengrund(201), den Lerchengrund hinauf bis an den Hornungsberg (202), von da auf dem Rücken des Berges bis an die Wolfsgrube (203) führen sollte . Bis 1733 blieb es bei dieser Grenzführung, wie es z. B. eine sächsisch-hessische Grenzbesichtigung, die am 3. und 4. Juli 1593 stattfand , die Friedewalder Grenzbeschreibung vom 16-18. Mai 1659 mit den neuen Grenzorten Hainkoppe, Rother Stein oder Sau­hecke, Diedischer Grund, Thumsthal, Steinige Höhle, Delle und Eichliede , ferner die gleiche Grenzbeschreibung vom 14-16. Mai 1668 angeben.

 

Mit dem Erwerb des Dorfes Kleinensee durch Hessen 1733 wurde dessen Gemarkungsgrenze zur Landesgrenze; das Grenzstück Grundlose Grube(194) bis Wolfsgrube (203) fiel also aus.

 

An die Grenze, wie sie in der Urkunde über den Verkauf des Gerichtes Heringen vom Jahre 1432 im Osten des späteren Amtes Friedewald aufgezeichnet wurde, knüpften auch fernerhin die Grenzbeschreibungen an. Die Beschreibung vom Jahre 1337, die auf den Aussagen einiger Männer aus Heringen und Widdershausen beruht, läßt die Grenze an der Marbach (193) beginnen. Von dort zog sie zwischen Widdershausen und Dippach über die Grenzorte Landwehr(204), die Bornischen Güter (Buren) (205), Saulgrund (206), Gertental (207),Geldgrube (208), die Toten Bäume (209) und das Settigskreuz (210) zu dem Auelsberg (196). Im weiteren Ver­lauf bildete der Diebspfad den Scheid bis zum Steinberg (197). Von diesem uralten Höhenweg schreibt das Friedewalder Salbuch vom Jahre 1579: Eß ist auch tzu mer­ken, dass ulf dem Creutzwege, der weg so über den Steinbergk (197) von dem Creutzweg und Creutzstogk (211) nachdem Schwartzen Stock (212) und von dannen eber denkeudengraben an das Borgkholz (199), so ins ampt Vach gehoerigk, leufft undt vom anfangk biß zum ende der dybespfadt genandt wird, undt scheidet von gemeldtem Creutzsterk biß uff das Borgkholtz den styfft Hirsfeldt oder Closter Creutzbergk eins- und das gericht Heringenn anderteils mit gehoeltz undt obrigkeit.

 

Auch im Süden des Gerichtes Heringen verläuft die Grenze auf der Strecke Burgholz (199) bis zur Werra bei Heimboldshausen in der erstmalig 1432 angegebenen Weise. Aus den Grenzbeschreibungen der folgenden Zeit, die in den Jahren 1550, 1331, 1374, 1379, 1393 , 1639 und 1668 sächsischer-wie hessischerseits aufgestellt wurden, geht eindeutig hervor, daß bis auf geringe Irrungen in der Grenz­führung bei Dippach, die im Vertrag von Berka am 28. September 1374 beigelegt wurden, die Grenze unumstritten war. Etwa in der Mitte des Grenzzuges Dippach­-Heimboldshausen, nordöstlich von Vitzeroda an der Geschworenen Eiche begann die Grenze gegen das hersfeldische Amt Frauensee,während die Grenze bis zu diesem Punkte das Gericht Heringen von dem hessisch-sächsischen Kondominat Amt Haus Breitenbach geschieden hatte. Auch die ausführliche Grenzbeschreibung vom 10.-21. August 1734 , die nachdem für die Bildung moderner Territorien wichtigen Austauschverträge vom Jahre 1733, durch den Kleinensee an Hessen kam, während die hessischen Rechte in dem hessisch-sächsischen Kondominat Haus Breitenbach aufgegeben wurden, verfaßt wurde, hat an dem geschilderten Grenzzug im Osten des Gerichtes Heringen nichts geändert. Für Kleinensee, dessen Gemarkungsgrenze nach 1733 die Landesgrenze, später auch die Kreisgrenze bildete, ist eine Beschreibung der Gemarkungsgrenze im Weimarer Archiv erhalten.

 

 

 

Urkunden

 

 Gerstunger Gerichtsgrenze [um 1450]

 

Vom zirck und anwandtung des gerichts Gerstungen. Item das gericht zu Gerstungen

besleust das gericht zu Heringen mit dem landtscheid ein sich, dan Gerstunger anwande gebet und Creutzperger anwande und Fridewalder anwande uf der Lauffenet (200) von dem grunde uf, der von der Werre angehet,das wendet Heymeltshauser feldt den berch hinan uber die Herpff zu Fronhausen zu, zwuschen Herpf und Etzenroide mitten uber die hohe, genant das Honrot, hinter dem Schwarzenberge stost uf Herpff und Buchendorff, durch den Sulingswaldt hinter der Hardt uber hinter dem Leonberg (137) hin biß zu den Horden. Das ist mitten uf dem Sulingswaldt, uf dem Lochstein uber Honbach. Dan hinter Honbach an der alten Landrweher (79) ader biß in die Slege (75) zwuschen Sulingssehe und Honbach.

 

8. Grenzzug des Amtes Friedewald 1537

Anno eyntausendt fünfhundert dreissig sieben haben die nachbenanten bey gethanem aydt die gränitz des Siielingswaldts angezaigt, wieman hernach zusehen findt, nemblich Hans Hutzell sechtzig jar alt und Hanns Blanckenbach auch sechtzig jar alt, beede wonhaft zu Wittershawsen, seindt auch doselbst von jugendt uffgezogen, item Herman Reiss sechtzig jar alt, Hans Hellesechtzig drei jar alt, Hans Bernhardt sechtzig zwei jar alt, wonhaftig zu Heringen.

 

Die obgemelten menner haben eintrechtig angezaigt, das des Söelingswaldts gränitz zwi­schen Heinbach und dem dorf Seulingssee an der alten landtwheer und straß doselbst angehe, zwischen dem churfürsten und dem landtgraven etc. nach dem dorf Grossensee, zwischen gemeltem dorf und unsers g.f. und herrn etc. see, doselbsthin nach dem dorf Cleinensee, und durch Cleinensee hin uff die landtwheer, fortan nach der Marpach (195), die Marpach hinnab biß in die Wherra zwischen Wittershausen und Demershausen, und was uff die rechte handt gelegen, steet mit aller fürstlichen obrigkhait unserm g.fürsten und herrn dem landtgraven zu. Forthan über die Wherra zwischen den beden Vischers wyesen hin über die Hornsperger wiesen auf nepiens nottdiges zwischen der Hornsperger wiesen und deren von Wittershausen lehen hin biß uff die landtwheer (204), so von Egelsdorf herabher geet, furter zwischen der Demerßheuser wiesen und den Bornischen guetern (205), further uff das wasser, das von Dieppach herabher fleust, und im wasser hinan biß im Seullgrundt (206).

 

Item, sie berichten darneben, das wasser habe vorzeiten, do jetzt Steffan Zincken hauß steet, hingangen, und do das wasser seinen jetzigen gang bekkommen, seye beruerts Steffans hauß auf den scheidt gesetzt. Further den Sewllgrundt hinan biß in das Gerttenthal (207), das Gerthenthal hinab nach der Geltgrueben (208), von der Gelttgrueben nach den Todten­bewmen (209),further nach dem Settigs Creutz (210), auf den Huebelsbergk (196), further uff den Diebspfad, hinfur biß uff den Steinbergk (197), von dem Steinbergk furt an biss ghen Hoemeltshausen biß in die Wherra hinein etc.

 

Item berichten verrer, das die Birgkleidt (213), so vom closter Creutzbergk herabher gelegen, so weit es dalbengig ist, solle ins ampt Fach, und was nitt dalhengig ist, gehore zum Seulingswalde etc.

 

 

12. Hessische Anspruchsgrenze bei Großensee  [1335]

 

Wie der voigt zu Fridtwaldt, Peter Boinbergk, und Baltzer Schmer, furster zu Heringen, berichtet worden und mir Syman Bingen gewiessen. So soll die grenitz zwischen dem fürstenthumb Hessen und den fursten zu Sachsen uf der seiten nach dem Seulings Sehe zu gehen wie voigt: Under dem dorf Hoenbach, so meins g. f. und bern zu Hessen ist, stehet ein eich an der landstrassen, die heist die Scheidt Aich (SO), biss uff dieselb eych hab Hessen zu geleiten, von derselbigen eychen an betten die bern zu Sachsen das geleidt uff das dorf Grossen Sehe.

Zwischen der Scheide Eychen und Grossen Sehe stehet noch ein eych neben der land­strassen, ist halb abgehawen, genant die Stumpf oder KromEiche, biss uff dieselb KromEyche gehe die landtgrenitz und gehe darnach furter vonmalen zu malen wie volgt:

Bey diesser Krommen Eychen an, einen graben hinein, genanntder Elteich (190),

 

itzo ein alt verfallen mulwerck innen ligt, biss uff den Sulings Sehe. Zwuschen den zeunen, so vor dem dorf Grossen Sehe gemacht, und zwischen demseN. herumb biß an das dorf Cleinen Sehe da gebet auß demselben dorf ein wegk noch den Seulings Sehe.

Denselben wegk vor Cuntzen Metzen hauß uber (wildi hauß uff hessischem bode: gebawet, auch Hessen dienet, zinset und fur sein oberkeit erkennet) hinauss durch Michel Wolff s hove und garten welcher gart und hof Hessen auch zinßpar ist, dienet und fur sein oberkait erkenth.

Doselbst hinter fehet sich ein landtwehr (110) an, die gebet(wiewoll sie zum theil is außgerottet und man noch teglich die streuch und beum darauß heuer) biß an einen on genant die Marpach (195), darbey ein heilgenstock stehet. Furter die Marpach hinein bit in das wasser die Werra.

Jenseit der Werra soll die landwehr wieder angehen, sichstrecken biß uffs dorf Dippach. auch ander mehr ort ein langen wegk hinauß,wilchs aber ich nicht gesehen, vernem aur nicht, das dießer zeit doselbst streidt sey umb die grenitz

Nun wollen die Sachsischen uber die Marpach ein seher langenwegk hinauß, den Roden wegk hinan biss an die Wolffs-Kauten (do der Etzenredergrab aussleuft) sich des geleidts anmassen.

Die Sachsischen wollen villicht, das die landtgrenitz von der Scheidt Eychen, ein thal hinauf nach der Wolffsgruben und doselbst furter uff den ruck den alten wegk hinauß biß uber den Hornßbergk (202) lauffen soll,wilchs man inen nicht gestehet, sondern ist ver­mutlich, und gibts der augenschein, das die vorbemelte grenitz muss die landtgrenitz sein

 

 

23. Aus demGrenzzug des Amtes Friedewald   1659Mai 16 — 18

 

...bey der Ludtwigsaw ahn dem alten Mühlengraben(111), alwo deren im ampt Hirsch­feldt gelegenen dorfschaft Reigloß feldtmarck sich endet und der heßen-rotenburgischen dorfschaft Mecklar ahnhebt, der anfanggemacht worden... [des amtes Friedewald] gränzte die Fulda hinnunter und derenlauf nach,..... seint wir unter Breydenbach durch die Fulda und forters nachdem stock zu, welcher bey dem außflus des waßers, so von Wittenrode   kombt und die Qlffenmühle treibt,stehet und mit einer daran gemachten höltzern handt die gräntze in die Fuldahinauf weiset, gangen.

 

Aus der Fulda nun gehet die gräntze in dießem waßeroder bach hinauf zu der Qlffen­mühlen, forters selbem Bus nach durch Wittenrodtund so ferners auf und durch Ronßhaußen; diß waßer oder bach bey Ronßhaußen, soFriedewalt und Rotenburg scheidet, haben beyde theile zu fischen. ... und rittenwir forters dem alten waßerlauf nach, welcher die gräntze durch den Ronßhäußerteich führet, aus welchem das waßer hinnauf zu dem alten brücklein jegen Mittelwinde über, forters etwas zur lincken handt in einem alten griiblin durch die wiesen hinnauf zu dem 1.ten gräntzstein, welcher über dem alten waßerlauf stehet. Von dannen gehet die gräntze gerade hinnauf vor dem Mackeroder grunde hin in der wiesen, woselbst unter dem brunnen vor Mittelwinde der 2te Stein stehet. Von dar in dem grundt hinnauf auf Georg Hornickel forsters zu Hönebach acker der 3te stein, so fort über die triesche den Spieß hinab der 4te. Forters hinnab nach der alten landtstraße, worin der 5te. In derselben fort nech steinem gesträuche, wo da bevor eine hainbuche gestanden, der 6te stein undt entlich jegen der Scheidteichen (80) über nechst einem bierenbaum der 7te stein zu finden ist, welcher letzte ein dreyeckichter stein ist, so die ämpter Gerstungen, Fridewalt und Rotenburg scheidet, alßo daß alhier die Fridewäldische gräntze zwischen Rotenburg sich enden, und hinjegen mit Sachßen, nemblich dem ampt Gerstungen anfangen.

 

Und stehet der erste stein zwischen Sachßen und Heßen nechstdem orte an der Höne­bacher landtstraßen, wo hiebevor die umbgefallene scheidteiche gestanden.

.... und ist der erstesteine rechts dem ort, wo die Scheidteiche gestanden, zu finden und Sachsischem und Heßischem wapen gezeichnet.

Nota: Von diesem ersten stein in der gruben hierauf ritten wir gerade in demselben hinnauf, die Siichsische aber gingen etwas zurrechten handt nach dem Schifferberge (192) hinnein und kahmen beym andernstein, so ober dem Göppelßgraben (193) steher, wider zu uns auf unßere gräntze,vorgebende, daß anno 1595 die gräntze von ihnen alßo wehre bezogen worden,worvon wir aber keine wißenschaft gehabt, sondern darjegen protestirt und aufmehr besagten in anno 1562 zwischen beyden fürstlichen haußern Sachßen und Heßen getroffenen vertrag bezihente, gestalt sie dan selbst gestehen müßen, daß indem Suffichs­berge ein stück gehöltzung der gruben zur rechten handt, welche sie in die Sachsische gräntz miteinziehen wollen, dabevor gehöltz zu den Allendorfer scheidtflößen von Friedewalt aus wehre gehauen worden. ...

 

Der zweyte stein nun stehet über dem Göpelsgraben unterm rein an der Gruntlosen Gruben (194). Dießem nach folget der tritte stein, ist etwas hoch, beym Rothen Stein genant wie auch der vierte aufm newen wege nach der Wolfsgruben. Der funfte ist ein hoher stein. stehet auf der Wolfsgruben, der sechste ahn selbigem wege fort hinter der Hainkoppen. Der siebente vorm Rothenstein oder Sawhecken genant. Der 8te am langen rücken des Hermeßberges bey dem Didischen Grunde. Der neunte oben auf dem Hermeßberge. Der zehente im wege auf dem Thimeßthal. Der eilfte in der Dämerßhäußer gemeindte auf derplatten. Der dreyzehente am Hornßberge (202) bey der Steinichten Höhlen.

 

Der 14te stein stehet an der Hornßkoppen (202), ist einhoher stein, der fünfzehende in der Dellen, der sechtzehende auf der Hornßkoppen, der 17te vor der Eichlieden, der acht­zehende am Lerchsbanck(201), der 19te ahn Trömper Crommes acker zue Diimerßhaußen, zum zwantzigstenim Marpachsgraben (195) zwey steine jegeneinander über, zum einund­zwanzigstenahn der Werra zwischen Widderßhaußen undt Dämerßhaußen, haben zwer steine jegeneinander über gestanden, deren einer in die Werra gesuncken.

Auf jenseit der Werra, alwo das gesambte Hauß Breidenbach ängräntzet, erwartete unßcr der hell. amptsvogt von Bercka, her Johan Henrieh Waltenberger, und als wir zu Dämerß­haußen übergangen und zu ihm auf jenseitkommen, zeigte er den anfang der gräntze zwi­schen Fridewalt und dem Hauß Breidenbach, nemblich auf der ecken an der Werra, woselbst der erste stein stehet; nicht weit von demselben haben der zweyte und dritte gestanden.

Der vierte stein stehet auf der wiesen im Widich ahn einem weidenbaum, der fünfte folge:

zur lineken handt in der wiesen, der sechste beßer fort, der siebente ahn der Schliffet Wiesen ohnfern des Diedischen hopfengartens, der 8tehinter der dornhecken, der neunte und zehente auf der Lachen, der 11te, 12te, 13te und 14te kurtz nacheinander auf der Widder­hiiußer Lebe, der 15te bey der Dieffen Kautten, woselbst heßisch Dippäch anfangt, zwischen der alten wiesen und dem Elfstrauch, der sechzehende am graben nacher der Grünen Wiesen Dippachs, der 17te auf der juncker huetweide, der achtzehnte gleichfalls auf der huedtweid am Kleehecken, der 19te, 20te und einundzwanzigste folgen auf dem Sande nacheinander, der 22te und 23te ist ein Meiner und ein großer, stehen beysammen auf Zieklers landt, der 24te folget im Sandt am wege.

Von hier ritten wir mit denen Sächsischen uff gesambten kosten zum nachtlager nachen Berck und continuierten des andern morgens unßern gtäntzzuck vom 25ten stein,welcher hinter dem Thiergatten am wege stehet, der 26te hinter dem baumgarten,der 28te in der hecken, der 29te im baumgarten, der 30te aufm wiedumb am Heringer pfatlandt, der 31 te am Wengengraben bey den bierbäumen, der 32te im Wengengraben am Heringer pfarlandt. der 33te am Wengengraben beym zielbaum, der 34te hinter dem zielbaum zwischen zwev wegen, der 35te ahn dem gemeinen baum, der 36te unter den Sawlieden am pfade, der 37te unter der Sawlieden im graben vorm Gillenbaum, der 38te unter dem gemeinen holtz. nacher Dippach gehörig, zur linckten handt, der 39te unter der Treschlieden, der 40te gleich­fals, ist einstumpf, der 41te vor dem Gärtensgraben, der 42te vorm Axvelßberge (196) der 43te unter dem Bergschen Rhein, der 44te gleichfalls zur lincken handt, der 45te in:

Sawgrunt vorm Awelßgraben, der 46te ist ein großer und Meiner beysammen im Auwelß­graben vor den Apteroder wiesen, der 47te hinter dem Sawgrundte (206) ahn der Langen Wiesen neben der Apteroder untersten deich, der 48te und 49te vor dem Bergischenberge. der 50te vorm Bergischenberge über der Dellen vorm Awclßberge, der 51te am Bergischen wege vorm Awelßberge, der 52te ahn den Zehen Äckern an der trift, der 53te über den Zehen Äckern, der 54te am1-Iorschlieder wege, der 55te auf den Zehen Äckern am Horsci - liederwege,der .56te ulf den Zehen Äckern am deich, der 57te forn ahn im Häbelgraben beym Apteroder Grubgraben, der 58te im Häbelgraben am Gosperoder steig, der 59te im Häbelgraben bey der Untersten Dellen, der 60te über der Unterdesten Dellen, der 61te in fünf geschnittelten bäumen.

Nota:                                                    Aihierliegt zur rechten seiten das Vitzeröder gehöltz, aus welchem Hellen die iagtsfolge auf Sachßen herbracht und jederzeit exerciret, inmaßen dan den Sachsisdien die

folge auf Hellen gleichergestalt gestattet wirt.

 

 

 

Bis ins 19. Jahrhundert waren die Einwohner von Kleinensee in der Hauptsache auf die Erträge ihrer kleinen Landwirtschaften angewiesen. Großvieh wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts nur als Zugvieh gehalten. Schafzucht wurde in geringem Umfang und Schweinezucht nur ganz vereinzelt betrieben. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Gemeinde eine Brauerei, deren Bier auch in den umliegenden Ortschaften verkauft wurde. Auf dem Gut selbst wurde seinerzeit eine Branntweinbrennerei betrieben.

Außer dem Verkauf weniger landwirtschaftlicher Erzeugnisse fand um diese Zeit kein nennenswerter Handel statt. Da zusätzliche Erwerbsquellen in der näheren Umgebung nicht vorhanden waren, suchten bis zur Jahrhundertwende (1900) viele Einwohner zusätzlichen Verdienst in weiteren Gebieten. Insbesondere sind hierzu erwähnen die Zuckerfabriken in der Magdeburger Gegend und die Ziegeleien in Kassel. Auch sind in dieser zeit viele Einwohner von Kleinensee ausgewandert.

Industrialisierung

Eine Änderung trat erst nach 1900 ein, als man mit der Erschließung und Nutzung der Kalilagerstätten im Werratal begann. Bei der Abteufung der Kalischächte in Heringen, Herfa, Springen und Alexandershall fanden viele Einwohner Kleinensees Beschäftigung. Die Arbeitszeit betrug seinerzeit zumeist 12 Stunden täglich,wobei der Weg zur Arbeit noch zu Fuß zurückgelegt werden musste.
 

 

 

Wasser & Strom

Im Jahre 1912 wurde das Wasserwerk in Kleinensee errichtet. Die Quelle befindet sich - auch heute noch- in der Gemarkung Großensee (Thüringen), Kurz nach dem 1. Weltkrieg wurde die Gemeinde Kleinensee an das elektrische Stromnetzangeschlossen.

Der letzte Besitzer des Gutes verkaufte dieses 1926 an die Gemeinde, die im Erdgeschoss Schulräume einrichtet.

Da der 1704 verlegte Stollen nicht das gesamte Wasser aus dem Seulingssee ableiten konnte, begann im Herbst 1930 das Domänen-Rentamt in Rotenburg/Fulda mit der Trockenlegung des Seegeländes. Hierzu wurde eine etwa 1km lange Rohrleitung (70cm Ø) zum Teil bis zu 7m tief verlegt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Jahre nach 1945 stellten die Gemeinde Kleinensee plötzlich vor eine Reihe schwieriger Probleme. Entsprechend seiner geographischen Lage war Kleinensee überwiegend nach Thüringen orientiert. Auch die Zufahrtsstraßen nach Kleinensee führten über Großensee und Dankmarshausen, beides in Thüringen gelegene Gemeinden. Kleinensee stellte mit den übrigen Gemeinden nicht nur eine wirtschaftliche Einheit dar, sondern es bestanden auch viele verwandtschaftliche Beziehungen. Dass die Verwaltungsgrenzen zwischen Thüringen und Preußen, die gar nicht mehr als Grenzen empfunden wurden, plötzlich nach 1945 wirklich wieder eine Grenze werden sollten,  wollte man zunächst garnicht wahrhaben.

Grenzziehung

Konnten bis 1952 durch sogenannte Grenzübertrittsscheine die härtesten Folgen noch gemildert werden, war dann im Mai 1952 die Grenze endgültig.


Blick in das benachbarte Großensee (Thüringen)

 Durch die Sperrung der Zonengrenze oder innerdeutschen Grenze verloren die Kleinenseer Landwirte über 20 Hektar Land. Und viele enge Beziehungen, Kontakte und Familienbande wurden rigoros und brutal zerschnitten.


Die Mauer

Der Aufbruch

In diesen Monaten kamen viele Flüchtlinge aus Großensee und Dankmarshausen nach Kleinensee, die z.T. heute noch hier leben. Nach der Sperrung der Zufahrtswege, die durch den sowjetischen Sektor führten, musste der unausgebaute Holzabfahrweg über den Seulingswald provisorisch ausgebaut werden. Des weiteren wurde ein Linienverkehr nach Heringen und zum Bahnhof Hönebach eingerichtet. Auch eine Stromleitung von Hönebach kommend musste schnellstens errichtet werden. Eine neue Pumpstation und ein Wasserhochbehälter sowie eine neue Kanalisation wurden in diesen Jahren ebenfalls gebaut. Im August 1953 wurde schließlich ein neues Feuerwehrgerätehaus fertiggestellt.

Nach Baubeginn 1957 wurde im Januar 1959 die neue Schule eingeweiht, die im Jahre 1975 zum neuen Dorfgemeinschaftshaus (DGH) von Kleinensee umgebaut bzw.erweitert wurde.

Neben dem auf der Höhe des Seulingswaldes stehenden alten Jagdhauses "Bodesruh" und in der Nähe des Mahnmals erbaute die Gemeinde 1959 ein Ausflugslokal, das jetzige Gasthaus Bodesruh.



In den Jahren 1961 bis 1963 wurde die neue Straße von Kleinensee nach Bodesruh gebaut, die die überforderte provisorische Zufahrtsstraße ablöste.

 

Eingemeindung

Beginnend mit dem Jahr 1968 fanden größere kommunalpolitische Einschnitte statt. Die letzten Schulkinder verließen in den folgenden Jahren die Kleinenseer Schule, die dann wie bereits erwähnt, zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut wurde.

Die Eingemeindung nach Heringen erfolgte im Jahr 1972, der sich 1972 die Verleihung der Stadtrechte an die Kommune Heringen (Werra) anschloss.

Im Jahr 1986 wurden im ehemaligen Seegebiet Feuchtbiotope angelegt und der Seulingssee wurde zum Naturschutzgebiet ernannt.

Die Einwohnerentwicklung ist in diesen Jahren rückläufig, dies hat viele Gründe. Neben einer verkehrsungünstigen Lage, wenigen Arbeitsplätzen und einem schlechten Freizeitangebot, lebt und fällt in Kleinensee - wie in anderen Gemeinden der Region auch - fast alles mit dem Kalibergbau.

Jahr
Einwohner
1841
374
1933
514
1946
663
1950
709
1961
826
1972
800
1980
708
1987
700
1994
714
1995
703
1996
668
1997
661
1998
655
1999
726

1989 - Die Wende

Erst die Grenzöffnung am 16.12.1989 bringt auch für Kleinensee die Wende.


Grenzöffnung

Neben der Wiederherstellung der alten Straßenverbindungen ergeben sich schlagartig neue Perspektiven für den Ort. So ist es wieder lukrativ, in Kleinensee zu bauen; sogar ein Neubaugebiet wird erschlossen und in relativ kurzer Zeit wächst der Ort dichter an das benachbarte Großensee (Thüringen) heran.

Die schulpflichtigen Kinder gehen fortan in die Grundschule nach Hönebach. Ihren weiteren Schulweg absolvieren sie entweder in Heringen, Obersuhl oder Gerstungen.

1991 erhält der Ort ein neues Feuerwehrauto mit integriertem 600l-Tank.

Im Jahr 1998 wird ein neuer Wasserhochbehälter in Betrieb genommen, der die Trink- und Löschwasserversorgung des Ortes wesentlich verbessert.
 

 



Chronik der Gemeinde Kleinensee nach den Erinnerungen von Maus, Willi

Vorwort !

Die Chronik der selbständigen Gemeinde Kleinensee ist durch Schlamperei oder auch wegen Unwissenheit abhanden gekommen. Bei allen die es mir möglich gemacht haben, dass ich wieder eine Chronik der Gemeinde Kleinensee erstellen kann, möchte ich mich herzlich bedanken. Die selbstständige Gemeinde ist nun ein Stadtteil von Heringen. Die neue Bezeichnung heißt mittlerweile Heringen- Stadtteil Kleinensee.

Kleinensee.



Der Ort Kleinensee liegt am nordöstlichen Fuße des Seulingswaldes. Einen älteren Ort soll es noch  gegeben haben. Nach  Aussagen von alten Kleinensee`rn hat dieser im Flurstück Eizensee gestanden. Eizensee liegt gegenüber dem neuen Hochbehälter. Die Einwohner des Dorfes Eizensee haben nach der Zerstörung des Ortes sich am Rande  des Seulingssee wieder angesiedelt. Das nordöstlich vom See gelegene Dorf war grösser als der Ort südlich vom See. So entstanden die Dörfer Großensee und Kleinensee. Erwähnt wurde der Ort Kleinensee erstmals im Jahre 1579. Damals war  der Seulingssee  und die Landwirtschaft die Nahrungsgrundlage des Ortes. Im 18.Jahrhundert entstanden die ersten Handwerksbetriebe. Besonders möchte  ich den Beruf der Drechsler erwähnen. Denn die Spinnräder, Sensenbalken und Rechen, die von diesen Leuten hergestellt wurden, waren so schön,  dass sie weithin bekannt waren. 


Um das Jahr 1900 änderte sich das Dorfleben der Kleinenseer grundlegend. Im Werratal wurde Kali gefunden. Die Männer fanden in den  abgeteuften Schächten Arbeit. Sie brauchten nicht  mehr nach Kassel zu fahren, um in den Ziegeleien zu arbeiten, oder nach Westfalen, um Geld zu verdienen, damit sie ihre Familien ernähren konnten. Damit  ist die Kaliindustrie bis zum heutigen Tag für die Kleinenseer der größte Arbeitgeber geblieben. Ein sehr trauriger Tag für den Ort  war der 4. Dezember 1944.  In den Mittagsstunden traf eine Fliegerbombe ein Haus  in der Berkaerstraße. Sieben Bewohner fanden in dem total zerstörten Haus den Tod. Im Mai  1945 war dann eine Zeit zu  Ende, welche dem deutschen Volke viel Elend und Not gebracht hatte. Für den Ort Kleinensee war das schon am Abend des 31. März. Viele Kleinenseer haben diese Zeit mit Wut und Erbitterung hingenommen. Es gab aber auch etliche, die dem Anstreichergesellen vertraut und ihn voll unterstützt haben. Den Krieg, der von dieser damaligen Regierung angezettelt wurde, hat vielen Millionen Menschen das Leben gekostet. Auch an dem Orte Kleinensee ist diese Zeit nicht spurlos vorbei gegangen. Von 1939 – 1945 sind 25 Jungen und Männer gefallen. Vermisst sind 16 Jungen und Männer.

In dem Kriege von 1914 – 1918 sind 16 Kleinenseer gefallen. Keine Mutter oder junge Frau weiß, auf welche Weise diese Männer umgekommen sind. Im Jahre 1946 sind dann neue Bürger nach Kleinensee gekommen. An diesen Menschen haben die Bewohner der Staaten nach dem Kriege Rache genommen und sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Auch diese zugezogenen Bürger haben Freunde und Verwandte verloren, welche in den schrecklichen Jahren umgekommen sind. Es sind von 1939 – 1945  3 Männer gefallen und 3 wurden vermisst. Dann kam das Jahr 1948. In diesem Jahr löste die Deutsche Mark die Reichsmark ab.

Das Dorfleben änderte sich in den nächsten 30 Jahren vollkommen. Traktoren lösten Pferde und Kühe als Zugtiere ab. Die Dreschmaschine, welche in den letzten Monaten des Jahres von Scheune gezogen wurde, löste der Mähdrescher ab. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die kleinen Nebenerwerbsbetriebe gaben immer mehr ihre Tätigkeit auf. Das Land in der Gemarkung Kleinensee wird nun von ein paar jungen Landwirten bearbeitet.

Wünschen wir dieser Generation auch Erfolg bei ihrer schweren Arbeit mit großen Maschinen.

Der Seulingssee

Der Seulingssee ist eine Senke zwischen den Dörfern Kleinensee und Großensee. Zwei Versuche, den See trockenzulegen, sind gescheitert. Den ersten Versuch hat man gemacht mit Hilfe eines aus gemauerten Bruchsteinen angelegten Gewölbes. Den Einlauf hat ein Bauleiter der Stadt Heringen freilegen lassen. Er ist am Rande des Sees als Denkmal aufgestellt. Der zweite Versuch, den See trockenzulegen, fiel in das Jahr 1931. Damals hat an von der tiefsten Stelle des Sees eine Rohrleitung teilweise noch durch den Ort und weiter durch Ackerland und Wiesen gelegt. Die stellenweise versandete Leitung wurde dann im Dezember 1944 ganz unterbrochen. Eine Fliegerbombe hatte sie an einer Stelle zerstört.

Eines möchte den Nachkommen des Dorfes natürlich nicht vorenthalten. In der Gemarkung „Herrenwiesen“ war ein riesengrosser Trichter durch eine Bombe entstanden. In diesen Bombentrichter haben wir Schulkinder unter der Aufsicht eines Kleinenseer Bürgers etliche Brandbomben hineingeworfen. Die mit Phosphor gefüllten Bomben haben wir zwischen Kleinensee und Dankmarkshausen gesammelt und zusammengetragen. 

Am südlichen Rande des Seulingssee´s liegt die Leitung, welche das meiste Trinkwasser für den Ort bringt. Im Jahre 1949 wurde die Leitung durchgespült und gereinigt. Dieses hat man von einem betonierten Schacht aus getan. Dieser Schacht liegt neben de Rundgraben des Sees und ungefähr 10 m von einem Hoheitsstein entfernt.

Der Gutshof

Südlich des Dorfes Kleinensee stehen die Gebäude des Gutes. Das meiste Land in der Gemarkung gehörte zum Gute. Die Gebäude des Gutes sind um den Innenhof aufgebaut und Dank der neuen Besitzer bis zum heutigen Tage gut erhalten geblieben.

Zum Dorfe hin war das Gut von einer 3m hohen Mauer umgeben. Teile dieser Mauer standen noch im Jahre 1950. Ein Mauerstück stand neben der heutigen Burgstraße. Ein kleinerer Rest der Mauer stand noch dort, wo die Treppe zur Kirche neu angelegt wurde. Die erste Treppe zur Kirche führte von der Thüringerstraße im rechten Winkel auf die Anhöhe hinter der Mauer. Dort stand ein wunderschöner Kastanienbaum. Das Grundstück auf dem die Kirche im Jahre 1848 errichtet wurde, ist der Gemeinde von dem damaligen Gutsbesitzer geschenkt worden. Die ältere Kirche stand nicht auf diesem Grundstück, wie später erwähnt wird.

Sie stand auf dem Grundstück Thüringerstraße Nr. 6. Gegenüber in dem Haus wurden damals die Kinder unterrichtet. Ein Torbogen ist noch vom ehemaligem Gute erhalten geblieben. Dieses Tor wurde damals nachts geschlossen. Erhalten sind auch etliche große Bäume, die im Park des Gutes standen. Die Gebäude, Ländereien und der Wald wurden im Jahre 1920-21 an die Bürger der Gemeinde Kleinensee verkauft. Der Verkauf in diesen Jahren kam für die Bürger zum Glück, aber für den Besitzer zu Pech. Denn im 1923 kam das Wunder der Rentenmark. Das Geld hatte über Nacht keinen Wert mehr. Auf den Geldscheinen standen Millionen und Billionen. Für die Käufer von Gebäuden, Land und Wald wurde es nun leicht, das Erworbene abzuzahlen. Der letzte Besitzer des Gutes war Freiherr von Bodenhausen. Die Tochter der Familie hat nach Kriegsende in Bad Sooden-Allendorf gewohnt, wohin sie aus dem Osten geflüchtet war. Das Herrenhaus wurde von der Gemeinde erworben, wogegen die anderen Gebäude von Familien gekauft wurden. In dem Bau der von der Gemeinde erworben wurde, hat man im Erdgeschoss 2 Zimmer eingerichtet, wo im Jahre 1928 die Schule untergebracht wurde. I 1.Stock waren die Lehrerwohnungen. Die alte Schule befand sich in dem Hause Feststraße Nr. 5. Vordem nun erworbenen Schulgebäude war ein großer Schulhof.

Der Taufstein erinnert noch an bessere Zeiten der Besitzer des Gutes. Im Jahre 1958 ist eine neue Schule auf dem Schulhofe erbaut worden und im Schulgarten ein neues Lehrerhaus. 1959 ist dann dese Schule eingeweiht worden. Als die Gesamtschulen aufkamen, wurde die neu erbaute Schule im Stadtteil Kleinensee nicht mehr gebraucht. Die Schule wurde in eine Mehrzweckhalle umgestaltet. Am 1. November 1977 war dann die Einweihung der Mehrzweckhalle. In der Schule war eine Bibliothek untergebracht. Nach dem Umbau waren die schönen Bücher spurlos verschwunden. 

Ein trauriges Ereignis ist aber auch in dem Gutswalde geschehen. Ein junger Gutsbesitzer wurde von einem Gutsbesitzer aus Dippach so schwer auf den Kopf geschlagen, dass er starb. Die Tat wurde nie gesündt.

Die Eiche

Ungefähr 15 m vom Sportlerheim entfernt steht eine veredelte Eiche. Sie ist im Frühjahr 2001 100 Jahre alt geworden. Denn im Jahre 1901 hat sie der damalige Gutsbesitzer Grosik gesetzt. Er sprach damals die Worte: “auf Deutschlands Stärke, auf Deutschlands Größe und Deutschlands Einigkeit“.

Ein weiterer alter Baum ist die Linde zwischen den beiden Dörfern Kleinensee und Großensee. Das Alter von diesem Baume ist mir nicht bekannt. Nur eine traurige Erinnerung möchte ich wach halten. Neben dieser Linde wurde im Jahre 1945 ein Kleinenseer Bürger von russischen Soldaten erschossen.

Die weißen Heidelbeeren

Dort, wo das Mahnmal errichtet ist, gab es in früheren Jahren weiße Heidelbeeren. Ich würde es nicht glauben, aber ich habe als Schuljunge selbst welche gepflückt. Ein alter Mann aus dem Ort hat erzählt, an dieser Stelle sei ein Förster von einem  Wilderer erschossen worden. Es würde einmal ein Denkmal dort errichtet werden. Das würde er allerdings nun doch nicht glauben. Wenn ich nun das Mahnmal sehe, denke ich immer an diese Worte.






 



 

 

 

 

 

 

 

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Unsere kleine Haaja hat Geburtstag!
Unser Museum (Garage)
Das alte Bodesruh
Altes Gutsgebäude als Gemälde