Kirche Kleinensee

Festschrift zur 150 Jahr Feier der Kirche Kleinensee am 7. Oktober 1990

 

150 Jahre Kirche



Mit Errichtung einer eigenen Kirche im Jahr 1604 wurde in der Nähe der Kirche auch ein kleines Schulhaus gebaut, so dass nun auch Schulkinder in Kleinensee unterrichtet werden konnten. Die evangelisch-lutherische Gemeinde Kleinensee war seit 1604 eine Filiale der Pfarrei Dankmarshausen und gehörte zur Sachsen-Eisenachischen Diözese und Amt Gerstungen.

 

Die Kirchengemeinde blieb jedoch Filiale von Dankmarshausen 2, bis sie de facto 1952 durch die Ziehung der innerdeutschen Grenze, de jure aber erst 1972 abgetrennt wurde und zur evangelischen Landeskirche von Kurhessen und Waldeck kam. Sie wurde zunächst der Pfarrstelle Bosserode zugeordnet, heute gehört Kleinensee neben Leimbach zur Pfarrei Widdershausen.

 

Erste Kirchenbauten

 

Wann exakt in “Cleynen Sehe“ die erste Kirche erbaut wurde, scheint urkundlich nicht nachweisbar. Die ältesten kirchlichen Dokumente sollen besagen, daß 1525 ein erstes provisorisches Gotteshaus gebaut wurde. Die Existenz einer Kirche in dieser Zeit beschreibt auch die Schul-Chronik von Kleinensee. Danach soll die Kirche zu Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden sein. Tatsächlich zeigen Skizzen des Seulingssees und der umliegenden Gemeinden aus den Jahren 1556-1577 auch in Kleinensee eine Kirche, die aber auf einer neueren Zeichnung von 1683 nicht mehr dargestellt ist. Weitere Quellen berichten, daß der Ort bis 1604 zu Dankmarshausen eingepfarrt war. In jenem Jahr sei gleichzeitig mit der Einrichtung einer eigenen Schulstelle und der Anlage des Totenhofes auch eine Kirche gebaut worden, so daß Kleinensee eine Filiale von Dankmarshausen wurde. Vor dieser Zeit besuchten die Einwohner die Kirchen in Großensee und Dankmarshausen.

 

Wahrscheinlich ist jedoch, daß vor 1630 keine Kirche bestand. Mehrere Dokumente belegen, daß in diesem Zeitraum das erste Gotteshaus entstand. Das älteste Stück der heutigen Kirche, ein goldener Weinkelch, trägt im Fuß eingraviert die Jahreszahl 1632. Vermutlich wurde er von den adligen Gutsbesitzern, der Familie von Boyneburg, zur Einweihung der Kirche gestiftet.

Schriftlichen Quellen ist zu entnehmen, daß in der alten Kirche die Angehörigen der adligen Familien bestattet wurden. Die Familie von Boyneburg, seit dem 16. Jahrhundert Gutsbesitzer, hielt dieses Recht inne, obwohl sie keine Patrone waren. Sie hatten jedoch die Kleinenseer bei Erbauung der Kirche wesentlich unterstützt, vor allem in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Die Familie von Vultejus, die das Gut etwa 1736 erwarb, beanspruchte in der Folge das gleiche Recht. So ließ Carl von Vultèe seinen jüngsten Sohn, der am 28. Oktober 1783 verstarb, in der Kirche beerdigen.

 

Damit entbrannte ein Jahre andauernder Streit; die Kleinenseer Kirchenältesten und der Pfarrer fürchteten Gefahren für die Gottesdienstbesucher, da man aufgrund des harten Bodens die Gräber nicht tief genug ausheben konnte. Kurzerhand schloß Pfarrer Wilhelm Voppel die Kirche ab, doch der Schulmeister Christoph lllhardt ließ Carl von Vultée ohne Erlaubnis ein, sodaß jener neuerlich Arbeiten an einer Grabstätte ausführen lassen konnte.

Schließlich wurden die Bestattungen vom Hessischen Kirchen-Consistorium in Kassel verboten, da laut einer Verordnung vom 1. Februar 1726 nur die Patrone in der Kirche beerdigt werden durften.

 

Der Totenhof

 

Nicht nachweisbar ist, ob der Totenhof damals um die Kirche angelegt wurde. Bei Bauarbeiten an einer Wasserleitung nahe der Kirche sollen menschliche Knochen gefunden worden sein. Die Kirchenstatistiken weisen aus,daß der Totenhof erst bei Neubau der Kirche nach außerhalb des Dorfes verlegt wurde. Eine Zeichnung des Kleinenseer Rittergutes und derzugehörigen Grundstücke von 1737 zeigt den Totenhof schon zu dieser Zeit als Teil des von Vultèischen Allodial-Gartens außerhalb des Dorfes. Dort befindet er sich heute noch, zwischen Dorfgemeinschaftshaus und dem Ortsausgang an der Burgstraße.

 

Der Neubau

 

Fest steht, daß die alte Kirche so baufällig wurde, daß sie Ende Juni 1829 geschlossen werden mußte, da der Einsturz drohte. Die Gottesdienste fanden von nun an in der Schulstube statt, die jedoch für die Gemeinde nicht groß genug war und die meisten Zuhörer dicht gedrängt stehen mußten. Man wollte die Wiedereröffnung der alten Kirche erreichen, so wurde sie durch das Aufstellen von Stützen und Streben durch den Zimmermann Johannes Zierdt gesichert. Nachdem das Läuten schon lange verboten war, wurde eine kleine Glocke draußen nahe der Kirche aufgestellt.

 

Im Oktober 1830 wurde von Landbaumeister Müller aus Hersfeld ein erstes Gutachten erstellt. Er berichtete, daß die Kirche aus altem Holz nicht mehr zu reparieren sei. Sie konnte nicht wieder geöffnet werden. Pfarrer Albert Hartung aus Dankmarshausen und der Landbaumeister plädierten für einen Neubau und fanden in Kreisrat Karl Hartert aus Hersfeld Unterstützung, ihr Vorhaben voranzutreiben. Pfarrer Hartung äußerte seine Wünsche an die Ausführung der neuen Kirche: die Orgel sollte nicht wieder in der Mitte des Schiffs, sondern “gleich über dem Beichtstuhl“ eingebaut werden,damit “von demselben gleich die Treppe zu ihr gehen kann“. Der Altar “solle weiter vorgerückt werden, damit er nicht unter der Kanzel stehe“. Hartung wünschte sich eine Kirche für 400 Zuhörer!


 

Kleinensee hatte seinerzeit 351 Einwohner, davon waren 120 Personen männlichen und 136 Personen weiblichen Geschlechts über 14 Jahre alt. Laut Hartung besuchten davon 212 regelmäßig den Gottesdienst. Doch Landbaumeister Müller wußte um die rechte Größe des Entwurfes. Man einigte sich auf je einen Platz für jedes der 53 Kleinenseer Häuser, zuzüglich 9 Plätzen und Ständen für die adlige Familie und die Kirchenältesten.

Der erste Entwurf wurde von Müller im Mai 1833 gezeichnet. Er wurde so nie vollendet, doch zeigt er viele Details, die man noch heute an der Kirche erkennen kann. Zum Entwurf gehörte auch der Kostenanschlag, der für das 70 Fuß lange und 42 Fuß breite Bauwerk Lohn- und Materialkosten in Höhe von 3210 Talern vorsah. Im August 1834 ersuchte man bei der Kurfürstlichen Regierung der Provinz in Fulda um eine Genehmigung. Da der Kirchenkasten aber lediglich einen Sollposten von 58 Talern auswies, konnte mit dem Bau nicht begonnen werden. Es wurde vorgeschlagen, den ebenfalls neu zu errichtenden Schulsaal auch als Bethaus auszustatten. Noch im Februar 1836 gab es keinen endgültigen Ratsbeschluß der Gemeinde für einen Neubau.

Es ist dem Einsatz von Kreisrat Hartert zu verdanken, daß man den Neubau dennoch erreichte. Der Pfarrer führte regelmäßig Kollekten durch, die Gutsbesitzer von Winkler und von Vultée sicherten einen Beitrag zu. Die Gemeindenbehörden mußten ihre Verschuldung offen darlegen, und man erwirkte ein Darlehen von 1200 Talern bei der Landeskreditkasse in Kassel. Am 8. April 1837 beschloß die Gemeinde den Bau. Bald darauf wurde die Ausschreibung für die Handwerker veröffentlicht.

 

Um weiteres Kapital zu erhalten, wurden Teile der alten Kirche an Gemeindemitglieder verkauft. Nachdem sie abgerissen worden war, begann im April 1838 der Neubau. Am 18. Juli 1838 wurde der Grundstein gelegt, es ist der dritte Sockelstein von links auf der Westseite. Unter diesem Stein befinden sich außer Urkunden über die Kleinenseer Behörden einige Schriftstücke über die Geschichte der Kirche, sowie die Nr. 36 einer Hanauer Zeitung vom 5. Februar 1840. Die neue Kirche wurde an der selben Stelle errichtet an der sich auch das alte Gotteshaus befand. Sie steht auf dem Grund des ehemaligen Ritterguts, welchem sie ursprünglich auch angehörte, direkt an der Thüringer Straße, früher der “Gänsemarkt“ genannt. Der Neubau rückte, um einige Meter größer ausgefallen als die alte Kirche, weiter nach Süden zu den Gutsgebäuden  hin. Man erwarb dazu im Austausch gegen ein Stück Gemeindewiese doppelter Fläche einen Teil vom Garten des Rittergutes. An den Bauarbeiten waren sämtliche Handwerker Kleinensees und der benachbarten Orte beteiligt, und wenn sie nur die Transporte des Baumaterials übernahmen. Die Mauern wurden von Maurermeister Krell aus Bosserode gefertigt, die Zimmerleute Conrad Stein und Nicolaus Brill erhielten mehr als 220 Taler für ihre Arbeit, Schreiner waren Philipp Deiseroth und Johannes Zihn, Weißbinder war Simon Oetzel; um nur einige zu nennen.

Auch wenn den Schreinern und Zimmerleuten manche Zeit das Material fehlte, kamen die Bauarbeiten zügig voran. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit bekamen die Kleinenseer ihre neue Kirche: “Geschehen zu Kleinensee, Mittwochen den 7. Oct. 1840 wurde die neue Kirche feierlichst eingeweiht und zum ersten Mal darin gepredigt“ An diesem Tag wurde der Turmknopf, in dem sich einige Urkunden befinden, auf die Spitze gesetzt. Die Texteberichten uns vom Bau der Kirche und einigen Erlassen.

 

Rechnungsführer während des Baues war der Bürgermeister Johannes Jäger. Einige Male wurde er von Landesgeldeinnehmer Adam Kohlhaas geprüft. Obwohl ordentlich abgerechnet wurde, überstiegen die Kosten für den Neubau den Voranschlag um einige hundert Taler. Hatte man Ausgaben von 3210 Talern vorgesehen, so wurden bis zum Oktober 1840 genau 3677 Taler aufgewendet (ohne anfallende Zinsen zu berücksichtigen). Dazu kamen weitere Ausgaben für anschließende Arbeiten an der Kirche, die in den Jahren 1840-1844 noch ausgeführt werden mußten.

Obwohl durch die Versteigerung der Weiberbänke in der Kirche wiederum Gelder eingenommen wurden, hatte die Gemeinde Kleinensee mit Abschluß der Arbeiten eine Kapitalschuld von 2700 Talern und ausstehende Darlehen von 1200 Talern zu je 5% Zinsen, Dabei half nur wenig, daß in der Kollekte des Einweihungsgottesdienstes noch einmal 64 Taler gesammelt wurden.Die Beteiligung der adligen Familien betraf übrigens nur den Erlaß der bestehenden Gemeindeschulden!

Noch 1848 war der größte Teil der Schuld nicht zurückgezahlt, und der neue Bürgermeister Paulus Brill trat ein schweres Amt an. Da die Kirche und der zugehörige Grundbesitz der Kirchengemeinde selbst sind, müssen alle anfallenden Reparaturen, Neubauten eingeschlossen, von der Gemeinde getragen werden.

 

Die Kirche

                

Die Kirche ist eine moderne Saalkirche des 19. Jahrhunderts mit je drei hohen Rundbogenfenstern auf den Langseiten und zweien auf den Breitseiten. Die Eingangstür befindet sich in der Westwand. Sie öffnet sich unter einem spitzgiebligen Vorbau zur Freitreppe, die heute zur Straße “Am Gutshof“ führt. Der Rundbogen der Tür ist erhalten.Die Fassade ist in Werkstein aus Rotsandstein gemauert, welcher aus dem gemeindeeigenen Steinbruch stammt, der heute jedoch nicht mehr genutzt wird. Die rundbogigen Fenstereinfassungen bestehen aus Grausandstein. Einen richtigen Turm besitzt die Kirche nicht, die Glocken sind in einer viereckigen Glockenstube untergebracht, die als Dachreiter auf dem Westgiebel sitzt. Die hölzerne Konstruktion ist von außen verschiefert und schließt nach oben in einem achteckigen Spitzhelm-Aufsatz ab, der die Wetterfahne mit der Jahreszahl 1840 trägt.

                 
Im Inneren gibt es dreiseitig Emporen, deren Zugänge an der Westwand direkt neben der Tür hinaufführen. Die Emporen stehen auf sechs hölzernen Vierkantstützen, von denen die hinteren zwei als Dachstuhlstiele für den Turm dienen. Auf der darüberliegenden  Westempore befindet sich auch die Orgel, deren Gebläseraum in den Vorbau über der Tür hineinragt. An der Brüstung befestigt ist das ursprüngliche Altarkreuz, das 1960 ersetzt wurde. In der Mitte der Ostwand, zwischen den Fenstern, befindet sich die Hänge-Kanzel, die durch eine Treppe von Süden erreicht werden kann. Sie weist ein kräftiges Gesims und starke Wulstprofile auf und endet unten in einer hängenden Traube. Die Brüstung und die Konsole sind als Rahmenwerk mit Füllungen ausgeführt. Der Kanzeldeckel ist von einem Strahlenkreuz bekrönt. Die Verblendung, welche den Raum des Pfarrers rechts der Kanzel vom übrigen Schiff abteilt, ist die ursprüngliche Wand des Standes der adligen Familie, Unterhalb der Kanzel befindet sich der Altar aus Eichenholz, der 1960 von Schreiner Wilhelm Knies angefertigt wurde und einen älteren, provisorischen Altar ersetzte. Auch die Eingangstür und die Fenster wurden in diesen Jahren von Knies durch neue ersetzt. Das Gestühl der Kirche, 12 Bänke, ist 1976 als Ersatz zusammen mit einem neuen Fußboden in die Kirche gekommen. Der schwere Deckenleuchter stammt aus den Gutsgebäuden.

 Instandsetzungen

 

Im Sommer des Jahres 1915, während des Ersten Weltkrieges, wurde der Bau erstmalig renoviert. Dabei entstand ein rundes Deckengewölbe aus Beton, das mit herrlichen Malereien verziert wurde. Die Reste kann man heute noch auf dem Dachboden der Kirche bewundern, Die Urkunden im Turmknopf wurden um eine Mehlkarte, einen Mahlschein, eine Brotkarte und die Nr 214 der “Hessischen Post“, sowie eine Ausgabe des“Casseler Stadtanzeigers“ vom 04.08.1915 ergänzt, der Knopf am 5. August wiederaufgesetzt.

Nach dem Einsturz eines Stollens des Kali-Werkes Wintershall im Februar 1952 entstanden am Gebäude erhebliche Schäden, die eine neuerliche Renovierung nötig machten. Die Kirche war durch das Erdbeben so stark beschädigt, daß sie für ein Jahr aus baupolizeilichen Gründen geschlossen wurde. Bei einer örtlichen Prüfung durch das Staatsbauamt wurde außerdem festgestellt, daß die Holzteile der Dachkonstruktion stark vom Wurm zerfressen waren und so die nötige Standfestigkeit nicht mehr gegeben war. Das Läuten der Glocke mußte eingestellt werden.

Nach Aufmessungen des Ingenieurs H. Wehner aus Kleinensee fertigte der Architekt Erich Auras aus Völkershausen im Mai 1953 die nötigen Bauzeichnungen zur Instandsetzung an. Die statischen Berechnungen führte Franz Hohmann aus Heringen durch, der auch den ganzen Bau betreute. Das Gebäude erhielt zur Stützung einen Stahlbetongürtel,der von der Firma Völlkopf aus Hönebach angelegt wurde. Die alte Gewölbedecke von 1915 mußte einer modernen Kassettendecke aus Holz weichen. Die Mauerkämpfer wurden 50 cm höher als die alten angelegt. Das Rundbogenfester in der Ostwand über der Kanzel sollte wie das kleine Fenster in der Westwand mit vermauert werden, blieb jedoch erhalten, da sowohl der nötige zur Fassade passendeSandstein als auch die finanziellen Mittel fehlten.

Bei den Bauarbeiten fand man in den Mauern verborgen einen Topf, eine Flasche sowie einige Eier. Der Turmknopf mußte erneut eingeholt werden Sein Inhalt war beschädigt, da durch einige von Kugeln geschlagene Löcher Regenwasser eingedrungen war.

 

Die Finanzierung dieser Instandsetzung erwies sich als noch schwieriger wie jene zur Erbauung der Kirche. Der Umfang der Arbeiten wurde als zu gering eingeschätzt und der Kirchenvorstand vergab Aufträge an die Firmen, ohne die erforderlichen Genehmigungen des Landeskirchenamtes und ohne finanzielle Deckung. Die Kosten von annähernd 45.000 DM konnten nur etwa zur Hälfte bezahlt werden, wovon schon 10.000 DM ein Zuschuß der Landeskirche waren. Mit großzügigen Spenden der Einwohner Kleinensees und weiteren Hilfen konnten die Handwerker, die z.T. Jahre auf Ihre Zahlungen warten mußten, zufriedengestellt werden. Wieder einmal war die Erhaltung der Kirche, nicht ohne Konflikte, durch den unermüdlichen Einsatz viele Kleinenseer zustandegekommen.

Auch die Ausführung der Arbeiten blieb nicht ohne Kritik von offizieller Stelle. Das Landeskirchenamt beanstandete vor allem die offene Anbringung der elektrischen Leitungen und der Heizung, sowie den neu erstellten Vorbau über dem Eingang,“dessen steilere Dachneigung als die des Hauptdaches befremdlich wirke“.

 

Um die Kirche

 

Der Eingang zur Kirche, deren Tür und Freitreppe sich auf der Westseite befinden, verlief lange Zeit nach Norden zur Straße “Am Gänsemarkt“. Er wurde an der Straße durch ein kunstvoll gearbeitetes schmiedeeisernes Tor verschlossen. Dieses Tor war nach Abschluß der Renovierungsarbeiten 1953 von den letzten Kleinenseer Schmieden, Heinrich Krapf und Hans Stein unter ungünstigen Arbeitsbedingungen handgearbeitet worden. Die alte Schmiede war zu dieser Zeit bereits aufgelöst und nur noch wenig Werkzeug vorhanden.

Das Landeskirchenamt in Kassel befand jedoch nach der Renovierung: “aufs Ganze gesehen wirkt es ungeschickt, das die Freitreppe von dem Vorbau nach Westen führt, während der Zugang zur Kirche von vorn her erfolgt...“. Offensichtlich gehörte aber das westlich der Freitreppe bis zur Straße “Am Gutshof“ reichende Gelände nicht der Kirchengemeinde. Es wurde erst später erworben und der Zugang nach Westen verlegt. Dabei wurde auch das schmiedeeiserne Tor entfernt und sollte verschrottet werden. Es fand sich jedoch ein Interessent, der es der Gemeinde abkaufte, so das sich das alte Tor der Kirche heute in Privatbesitz befindet.

 

Auf dem Grün zwischen Kirche und Straße stand viele Jahre auch der Gedenkstein für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Heute befindet er sich auf dem Friedhof. Es ist der alte Grabstein des Barons Christian Ludwig Ernst von Winkler, einem der Gutsbesitzer. Es ist überliefert, daß von Winkler, der maßgeblich am Entstehen der neuen Kirche beteiligt war, 1839 im Lenzgrund während eines Frühstücks mit seinen Holzhauern vom Baron Carl von Vultée mit einem Reitstock erschlagen wurde.

Von Winkler wurde auf dem Friedhof beigesetzt und erhielt eben jenen Grabstein. Dieser wurde 1926 von einigen Kleinenseern im Gras liegend gefunden und geborgen. Später wurde er frischbehauen und bekam seinen Platz vor der Kirche, von wo er im Frühjahr 1972 auf dem alten Schulhofplatz vor dem Friedhof umgesetzt wurde. Seit einigen Jahren steht er direkt auf dem Friedhof bei den Gräbern der im Weltkrieg durch einen Bombenangriff ums Leben gekommenen.

Auch der alte Kastanienbaum vor der Kirche steht nicht mehr. Er mußte vor vielen Jahren gefällt werden, da die treibenden Zweige das Dach der Kirche beschädigten. Das Fällen war ein großes Problem, um dem Gebäude keinen weiteren Schaden zuzufügen. Doch ein beherzter Heinrich Spörer kletterte hinauf und entfernte die ersten Zweige, sodas der Baum ohne Gefahr gefällt werden konnte.

 

Die Glocken

  

 

Zur Zeit der Erbauung befanden sich zwei Glocken im Turm, sowie eine alte eiserne Turmuhr. Beide Glocken sind nicht mehr vorhanden. Die größere von beiden war von Johannes Ullrich zu Hersfeld im Jahr 1686 gegossen worden. Wohin diese Glocke kam, ob sie eingeschmolzen oder verkauft wurde, ist nicht bekannt. Die zweite Glocke, eine Stahlglocke unbekannter Herkunft, trug keine Aufschrift. Die Glockengießerei Junkers, die 1953 das neue Geläut lieferte, nahm eine Klanganalyse der Glocke vor: “Herr Junker erklärt, daß die Glocke tonal eine Unmöglichkeit ist... Die Glocke zeigt eine solche Wirrnis von Tönen, das sie nicht weiterverwendet werden kann“ . Sie wurde der Firma Junkers überlassen, mit DM 0,20 je Kg als Schrottwert vergütet und eingeschmolzen. Heute befinden sich vier Glocken im Kirchturm. Die kleinste und älteste Glocke ist heute das Totenglöckchen, sie rief bis 1952 noch die Christen zum Gottesdienst auf. Sie ertönt in ges“. ist herrlich verziert und trägt die Inschrift: “Johann George Krieger goß mich in Breslau zur Zeit des Pastors Richter im Jahre 1788“. Dieser Glocke wurden bei der Instandsetzung 1953 zwei Glocken aus “Briloner Sonderbronze“ 

hinzugefügt, die zusammen 401 Kg wiegen. 

Beide stammen aus der Glockengießerei Junkers in Brilon, ebenso wie der 780 kg schwere Glockenstuhl. 

Zunächst sollte nach Plan des Bürgermeisters Krapf nur eine Glocke neu angeschafft werden und eine zweite gebraucht aus Hundsdorf gekauft werden. Die Hundsdorfer verlangten aber den gleichen Preis, den man auch für eine neue Glocke bezahlen mußte. So entschied man sich für zwei neue Glocken.

Die erste Glocke hat einen Durchmesser von 0,75 m und ertönt in des“. Sie trägt die Inschrift: “Weihnachten 1953 - Ich bin die Stimme des Himmels, wenn Du mich hörst, hörst Du Gottes Stimme. Mich goß Meister A. Junker, Brilon, für die ev. Kirche Kleinensee“. Die zweite Glocke mit einem Durchmesser von 0,67 m ist eine es“-Glocke, sie trägt die Inschrift: “Weihnachten 1953 — So nah der böse Feind uns droht, Gott helfe uns in aller Not. Mich goß Meister A. Junker, Brilon, für die ev.Kirche Kleinensee.“

 

Bei der Wiedereröffnung der Kirche Weihnachten 1953 bezeichnete Bürgermeister Wilhelm Krapf diese beiden Glocken als das schönste Weihnachtsgeschenk für die Gemeinde Kleinensee. Die Glockenweihe fand am 18.12.1953 statt, das elektrische Läutewerk der Firma Philipp Hörz aus Ulm wurde Silvester 1953 zum ersten Mal in Betrieb genommen. Die vierte Glocke in Kleinensee stammt von 1962 und wurde von den Gebrüdern Bachert in Kochendorf gegossen. Auch sie trägt eine Inschrift; “Bekümmert Euch nicht, denn die Freude am Herrn Christus ist Eure Stärke“ (Joh. 8, V. 10).

 

Die Orgel

 

Die Orgel ist eine dreitürmige Barockorgel mit Schleierbrettdekor und stilvollen Schnitzereien am Prospekt. Er wird ergänzt durch zwei Flügeltürme, wobei das Mittelstück der Orgel älter sein könnte als die beiden Flügel. Sie stammt aus den Jahren 1720-1740 und begleitete auch schon in der alten Kirche den Gottesdienst, vermutlich ist sie ein Werk des Friedewälder Orgelbauers Schlottmann. 1838-1840 wurde sie von Kreisorgelbaumeister Ziehse ausgebaut, repariert und in die neue Kirche eingesetzt.

Die Orgel zählt damit zu den ältesten Orgeln dieser Art in Hessen. Der Mittelturm wird seitlich von zwei Wappen flankiert von denen das rechte das Wappen des Carl von Vultée ist.

Die Orgel wurde 1953 ebenfalls gründlich überholt. Zur Renovierung schreibt Werner Bosch, Orgelbauer aus Kassel; “Die Störungen in der Orgel sind durch Verklemmungen eingetreten, weil das Dach im Motorraum nicht verschlossen ist, und so die feuchte Luft von außen in die Orgel geblasen wurde“. Allein die Reparatur der Orgel kostete 3400 DM.

Das ursprüngliche 2. Manual der Orgel fehlte damals vollständig, es wurde 1968 neu eingesetzt, als die Orgel zum zweiten Mal, wiederum von Werner Bosch, restauriert werden mußte. Alle Pfeifen und der Motor wurden ersetzt, ebenso die Mechanik, und auch die Holzteile wurden, mit Ausnahme der alten Barockfassade,erneuert. Die Orgel hat heute 2 Manuale, 12 Register und 768 Pfeifen, daneben 12 tote Pfeifen. Sie wurde am Weihnachtsabend 1968 neu eingeweiht.

 

Das Abendmahlsgeschirr

  

 

Das Abendmahlsgeschirr der Kleinenseer Gemeinde erzählt uns seine eigenen Geschichten. Die wertvollsten Stücke sind ein goldener Weinkelch und ein goldener Teller, die beide im Jahr 1990 restauriert wurden. In den Fuß des Kelches eingraviert ist die Jahreszahl 1632, Weiterhin vorhanden sind ein Zinnteller ohne Aufschrift, sowie zwei zinnerne Weinkannen. 

Die ältere von beiden zeigt auf dem Deckel die Inschrift:“J.M. Oehring Pastor 1753“. Johann Michael Oehring war, einige Jahre von seinem bald verstorbenen Sohn Adolph substituiert, von 1740 bis 1768 Pfarrer in Dankmarshausen. Er starb dort 1770.

Der zweite Krug trägt eine im Einstichverfahren gravierte Inschrift: “Der Kirche zu Kleinensee aus dankbarem Andenken geweiht von Heinrich Haudel, geb. den 11.07.1832 zu Kleinensee, gest. den 25.09.1853 zu Treskow in Amerika. 1865“

Heinrich Haudel wurde zum angegebenen Tag in Kleinensee als Sohn des Schullehrers Johann Friedrich Haudel und dessen Ehefrau Catharina Elisabeth Rommer geboren. Als junger Mann entschied er sich, wie viele seiner Zeitgenossen, geplagt von Mißernten, schlechter Ernährung und Krankheiten im eigenen Land, auszuwandern. Im Alter von siebzehn Jahren verließ er im März 1850 Kleinensee mit einem Vermögen von 100 Talern und ging nach Amerika. Sein weiterer Lebensweg bis zu seinem Tod ist unbekannt.